Sanktionen = Entwicklungshilfe

Sanktionen = Entwicklungshilfe

Die Auswahl der Gegensanktionen — das Verbot (fast) aller Lebensmittelimporte aus den Ländern der westlichen Allianz — beweist Putins Talent der taktischen Intuition. Was von manchen Kommentatoren vorschnell als selbstmörderische Maßnahme präsentiert wird, bahnt den Weg zur Vollendung einer seit Jahren betriebenen Politik.

1995 machten die russischen Lebensmittelimporte noch 30 % der Gesamtimporte aus; 2013 waren es "nur" noch 13 %. In den vergangenen zehn Jahren hat das Tempo der Importsubstitution ganz erheblich angezogen. So stieg die Eigenproduktion bei Fleisch allein im Vorjahr um 10 %. Je nach Sektor produziert Russland heute 60-90 % aller Lebensmittel im eigenen Land. Was das heißt, haben die amerikanischen Hähnchen- und Schweinemäster bereits am eigenen Leib erfahren.

10 % aller Lebensmittel werden aus den Ländern bezogen, die unter das Importverbot fallen. Das klingt nach viel, aber regelrechte Abhängigkeiten gibt es nur bei Premium- und Exklusivprodukten, und da auch nur bei solchen aus der EU. Roquefort und Jamon Iberico werden in den nächsten Wochen definitiv aus den Moskauer Regalen verschwinden. Auch bei Milchprodukten (20 % des Verbrauchs werden aus Deutschland und Finnland gedeckt) und Fisch, der in den oberen Qualitätssegmenten überwiegend aus Norwegen kommt, wird es Ausfälle geben. Ausländische Weine und Spirituosen, die inzwischen für das Glücksgefühl der Mittelschicht unerlässlich sind, stehen aus gutem Grunde gar nicht auf der Liste.

Wenn zwei sich streiten, freuen sich Dritte. So auch in diesem Fall. Die derzeit noch aus Europa und den USA stammenden Produkte (außerhalb des Premiumsektors) lassen sich alle ersetzen. Ein Treffen mit den südamerikanischen Wirtschaftsattachés ist anberaumt. Importbeschränkungen für brasilianisches Fleisch wurden bereits aufgehoben. Jenseits der Grenze stehen China und die GUS-Länder bereit. Und die Türkei wird sich glücklich schätzen, kein EU-Mitglied zu sein. Für den Iran kommen die Sanktionen ohnehin wie ein warmer Regen — ein 40-Mrd-Dollar-Bartervertrag steht vor der Unterzeichnung: iranisches Öl gegen russische Maschinen und Anlagen. Dem Erdöl werden sich jetzt Lebensmittel hinzugesellen.

Die Westpresse spielt das Problem systematisch herunter: für deutsche Landwirte sei Russland nur ein Nebengeschäft. Mag sein, aber die betroffenen Maschinenbauer? Die Öl- und Gaszulieferer? Die Rüstungsfirmen — auch dort arbeiten Menschen, die mit ihrem Einkommen Frau oder Mann und sehr oft auch Kinder ernähren. Um 20 Millionen Euro muss Rheinmetall den erwarteten Jahresgewinn nach unten korrigieren. Eine Menge Familien, die davon satt werden. Es läuft einem kalt den Rücken herunter, wenn man so manchen Politiker- und Journalistenkommentar vernimmt.

In Wahrheit ist der ganze Sanktions-Zirkus ein groß angelegtes, globales Entwicklungshilfe-Programm. Die Zeche zahlen europäische (und amerikanische, kanadische, australische) mittelständische und Familien-Unternehmen. Und Landwirte. Und das Ganze völlig zur Unzeit, da die wirtschaftliche Abschwächung längst auch in den großen europäischen Volkswirtschaften greift. Seit Anfang August steckt Italien offiziell in der Rezession. Frankreich steht kurz davor. Nur Deutschland wähnt sich noch vorbildhaft.

Die Konkurrenten in Südamerika und Asien frohlocken. Unter normalen Bedingungen hätten sie die Europäer vom russischen Markt nicht so leicht verdrängt. Die größten russischen Schwächen sind schließlich Trägheit und Gutmütigkeit — einen bewährten Lieferanten wechselt man nicht gern. Das gilt auch makroökonomisch: Wie bequem ist es, Rohstoffe zu exportieren und dafür im Ausland hoch subventionierte Lebensmittel einzukaufen. Wer will da groß etwas ändern, auch wenn der eigene Präsident es seit Jahren predigt.

Doch nichts mobilisiert Russen mehr, als wenn man sie in die Enge treibt.

Dieser Präsident — Wladimir Putin — nutzt jetzt die Ukrainekrise, um sein Land, das immerhin über 9 % der Weltackerfläche verfügt, zur Eigenversorgung zu treiben. Auch wenn die Reichen ein Jahr lang auf bretonische Austern und Gänseleber verzichten müssen, stürzen werden sie den Mann deswegen nicht. Schließlich steht die Schweiz nicht auf der Liste, so dass es wenigstens Gruyerzer geben wird. Und wer das Geld hat, sich den ganzen Luxus hier in Moskau zu leisten, ist ohnehin oft genug in Europa. Entziehungserscheinungen muss niemand befürchten. Nur der Westen beschleunigt seinen Abstieg. Aber jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Auch die Europäer.

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