Separatismus muss nichts Schlechtes sein oder Der Kaliningrader Regionalismus

Separatismus muss nichts Schlechtes sein oder Der Kaliningrader Regionalismus

Die meisten Menschen verbinden mit diesem Wort und dem was man darunter in der Praxis versteht, häufig etwas Negatives. Aber es gibt Beispiele, wo Separatismus sogar begrüßenswert ist.

Ich persönlich bin für Separatismus beim Wäsche waschen – schwarze Socken sollten separat von weißer Unterwäsche in die Waschmaschine gesteckt werden. Nicht schlecht ist auch der Separatismus bei der Lagerung von Salz und Zucker in der Speisekammer. Eine nicht separate Lagerung kann phatale Folgen haben. Und natürlich sollte die Schwiegermutter nach Möglichkeit auch separat wohnen. Separatismus sollte auch bei Firmenbilanzen gelebt werden – immer schön die Einnahmen von den Ausgaben trennen, ansonsten kann das übel enden.

Problematischer wird es jedoch, wenn man über Separatismus auf Staatsebene spricht. Jetzt soll ja Schottland darüber nachdenken, ob man sich nicht lieber von England separiert, weil man mit den Ergebnissen des Brexit-Referendums nicht einverstanden ist. Wäre es anders herum gekommen, hätte vielleicht England überlegt, ob es sich von Schottland trennt … es ist schon alles nicht so einfach.

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema – dem Kaliningrader Separatismus. Eigentlich dachte ich, dass dieses Thema in der Kaliningrader Gesellschaft keine Rolle mehr spielt, insbesondere, nachdem irgendwann vor zehn Jahren (ich glaube es war im Jahre 2005) die Baltische Republikanische Partei verboten wurde. Diese Partei träumte von einem separaten Leben des Kaliningrader Gebiets. Wenn ich mir den Gedanken einer separaten vierten baltischen Republik durch den Kopf gehen lasse, erinnere ich mich an einen (leicht abgewandelten) Spruch von Loriot:

Am 23. Juni veröffentlichte Wassili Schipkow, Kandidat der philosophischen Wissenschaften, in der Zeitung „Russische Idee“ einen Artikel zum Thema „Kaliningrader Regionalismus“. Ich fand den Artikel interessant. Mit vielen seiner Gedanken (sie sollen konservativ sein) kann ich mich durchaus anfreunden.

Screenshort: Der Autor und sein Artikel – klicken Sie auf die Grafik um zum Originalartikel zu gelangen
 
Er schreibt in der Einleitung zum Artikel:

Und er schlussfolgert, dass für eine Minderheit dieses balancieren einfach nur eine Art ist um ihr Leben abzusichern, für die Mehrheit jedoch die Gefahr besteht, dass sie sich in einer kulturell-geschichtlichen Schizophrenie bewegen.

Ich gehe davon aus, dass diese Frage für die Mehrzahl der gewöhnlich Sterblichen hier in Kaliningrad gegenwärtig gar nicht steht. Man will einfach nur gut leben, in der geographisch westlichsten Region Russlands. Und ich persönlich sehe auch keinen großen Unterschied zwischen „Russisch“ und „Europäisch“, denn Russland gehört, rein geographisch, mit einem großen Teil seines Territoriums zu Europa, ist aber Russisch. Die Bezeichnung „Klein-Russland“ für das Kaliningrader Gebiet ist auch nicht so verkehrt – meine ich. Warum sollte die besondere Lage Kaliningrads also Schizophrenie bei den Bürgern hervorrufen? Wie sollen sich denn die russischen Bürger fühlen, die im asiatischen Teil Russlands leben? Wenn wir mal mit Deutschland vergleichen … die Bayern zum Beispiel. Sind das nun Bayern oder sind das Deutsche? Natürlich sind das „Deutsche Bayern“ die in einer föderalen Republik leben und deswegen ganz bestimmt nicht unter Schizophrenie leiden. Natürlich haben die Bayern eigene Ansichten zur Gestaltung des Lebens in ihrem Freistaat. Und auch die „Russischen Kaliningrader“ haben eigene Gedanken zur Gestaltung ihres Lebens in der Russischen Föderation. Aber diese eigenen Gedanken immer gleich zu hinterlegen mit Befürchtungen, dass es nach „Separatismus riecht“, ist vielleicht auch übertrieben.

In der letzten Zeit wird in den Kaliningrader Medien derart viel über das Thema geschrieben – egal mit welchen Stichwörtern wir es bezeichnen wollen (Separatismus, Regionalismus, Fünfte Kolonne, Invasion, Germanisierung), dass mich dies schon wieder an ein Stück des Russen L. Tolstoi  erinnert:

Befürchtet man nicht ein Thema heranzudiskutieren, welches so scharf gar nicht steht? Mit anderen Worten, man soll das Problem richtig einordnen, nicht unter- oder überschätzen. Wir haben zwar keine Wölfe in Kaliningrad, dafür aber eine „Anakonda“ vor den Toren Kaliningrads liegen, bereit uns zu würgen.

In seinem Ausführungen schreibt Wassili Schipkow, dass das Thema „Separatismus“ in intellektuellen Kreisen Kaliningrads ein Tabu-Thema ist. Er meint auch – und ich stimme ihm zu – dass es keine Separatismus-Bewegung in Kaliningrad gibt. Hier und da gibt es mal einzelne Provokateure, die mit irgendwelchen Aktionen temporäre Aufmerksamkeit erregen. Als Beispiel sei hier eine Gruppe aus drei Jugendlichen genannt, die vor einigen Jahren eine deutsche Fahne auf einem FSB-Gebäude gehisst hatten. Sie wollten damit gegen den Beitritt der Krim zur Russischen Föderation protestieren und meinten, wenn die Krim zu Russland gehört, dann gehört Kaliningrad zu Deutschland. Wirklich ein paar Wirrköpfe, die wohl im Geschichtsunterricht nicht richtig aufgepasst haben. Leider wurde diese Sache ziemlich hochgespielt, obwohl es doch wohl ausgereicht hätte, wenn diese grünen Jungs ein paar Tage bei Wasser und Brot zugebracht hätten und anschließend ein gesellschaftliches Gericht sie zu zwei Monaten Toiletten schrubben in der KANT-Universität verurteilt hätte. Aber von einer Separatismusgruppe zu sprechen – nein, das ist maßlos übertrieben.

Auch die Proteste in Kaliningrad im Jahre 2010 waren nicht gegen Kaliningrad als Subjekt der Russischen Föderation gerichtet. Sie ordneten sich ein in die damaligen unruhigen Zeiten im russischen Mutterland und waren rein wirtschaftlicher Natur – man war nicht einverstanden mit steuerpolitischen Entscheidungen des damaligen Gouverneurs und das Zentrum löste dieses Problem schnell und unkompliziert. Der Gouverneur wurde nicht für eine weitere Amtszeit nominiert und verließ Kaliningrad im September 2010. Separatismus war dabei weit und breit nicht zu spüren.

Wassili Schipkow zeichnet im weiteren das Szenario derjenigen, die sich vielleicht diesem Thema stellen wollen und seine Analysen zeigen, dass kleine Ereignisse durchaus durch „Interessierte“ genutzt werden können, damit sie sich auswachsen.

Eine zentrale Aufgabe ist, in Kaliningrad die Frage der Identität aufzuwerfen – also die Kaliningrader sollen sich die Frage stellen, ob sie denn wirklich Kaliningrader sind oder vielleicht doch eher Königsberger.

Seine Überlegungen, wie dies erreicht werden kann, kreuzen sich mit Überlegungen eines anderen Kaliningraders, die wir vor wenigen Tagen auf unserem Portal veröffentlicht hatten:

Im Zuge der Schaffung und Zuspitzung der Identitätskrise bei den Kaliningradern sind weitere Aufgaben umzusetzen:

Schipkow hat analysiert, dass dies in der Vergangenheit in Kaliningrad wohl so schon vor sich gegangen ist. Er zitiert aus soziologischen Untersuchungen aus der damaligen Zeit und informiert, dass die Anzahl derjenigen, die sich in Kaliningrad als „Russe“ bezeichneten beständig rückläufig war und die Anzahl derjenigen, die sich für eine Autonomie Kaliningrads interessierten, wuchs.

Aber seit 2010 ist man in Moskau auf Kaliningrad aufmerksam geworden und dieser Prozess wurde gestoppt. Heute ist die Zahl der „Separatisten-Europäer“ verschwindend gering. Die Bevölkerung teilt sich in eine Gruppe „Kaliningrader“ und eine Gruppe die sich als „Russen“ bezeichnen – beide halten sich die Waage.  

Dann sieht Schipkow einen nächsten Schritt, den Separatisten gehen werden.

Dem Kaliningrader Bürger wird also „Paradies“ (ihr werdet Europäer) oder „Hölle“ (ihr werdet Russen) vorgeschlagen und in der weiteren Propagierung dieser Ideen muss die notwendige „Ausmalung“ der Folgen der jeweiligen Entscheidung erfolgen, insbesondere was die Hölle anbelangt. Wichtig ist, dass dieser Prozess der Identitätssuche ständig am köcheln gehalten wird, ständig eine gewisse Spannungssituation im Gebiet herrscht – so Schipkow in seiner weiteren Analyse.

Um diese Spannungen am köcheln zu halten, müssen die Separatisten weitere Aktivitäten entfalten:

Wichtig ist hierbei, meint Schipkow, dass man niemandem die Möglichkeit gibt, für all diese Dinge Entschuldigungs- und Entlastungsargumente vorzubringen, die die Schuld von den Schultern der jetzigen Kaliningrader nimmt. Man muss der Bevölkerung zu verstehen geben, dass sie immer Schuld ist und je schuldiger sie ist, um so weniger hat sie es verdient in die Gemeinschaft Europas aufgenommen zu werden. Mit anderen Worten: Es ist schlimm ein Kaliningrader zu sein und noch schlimmer ist es, sich hier aufzuhalten. Ich finde, ein schrecklicher Gedanke, wie Menschen manipuliert werden. Wenn dies nicht alles schon geschehen ist, vor wenigen Monaten, in einem ehemals eng befreundeten Staat – man könnte Schipkow fast für einen wahnsinnigen Phantasten halten.

Aber es geht weiter, denn Schipkow beschreibt in seinem Artikel die letzte Phase der Separatistenaktivitäten – die Schaffung eines Platzes, wo die Idee „Europa“ mit der Idee „Russland“ zusammenstoßen kann.

Schipkow stellt die Frage, mit welchen Argumenten das „aufgewühlte Kaliningrader Volk“ (also die Seite „Europäer“) in Kaliningrad auftreten könnten. Er hat Zweifel, dass man so töricht ist, eine Umbenennung der Stadt in Königsberg und den umgehenden Anschluss an die BRD zu fordern. Das wäre zu offensichtlich. Man wird sich einfacherer Maidan-Losungen bedienen, die schnell durch ALLE Kaliningrader verstanden werden. Dies werden zuerst einfache ökonomische Forderungen sein, die dann aber auch schnell durch politische Forderungen ergänzt werden. Hierzu gehören:

  • Forderung nach mehr regionaler Autonomie,
  • Forderung nach visafreiem Reiseverkehr mit der EU,
  • Forderung nach Demilitarisierung der Region,
  • Erklärung der militär-politischen Neutralität des Gebiets.

Begleitet wird dieses Forderungsszenario durch ein ständiges Anheizen der gesellschaftlichen Situation mit dem Ziel, es „diesen Moskauern zu zeigen“, oder, wie es Schipkow formuliert „schlagt die Moskauer tot.“

Darauf folgt die zweite und dritte Etappe des Kaliningrader Maidan, wo die Forderungen schon sehr klar werden:

  • Austritt aus dem Bestand der Russischen Föderation,
  • Assoziation mit der Europäischen Union.

Die Gegner dieses Prozesses werden in dieser Phase diskreditiert und als Un-Kaliningrader und Moskauer Kretins bezeichnet.

Damit endet im wesentlichen die Analyse von Wassili Schipkow. Aber es bleiben meinerseits noch Fragen offen.

Separatismus heißt doch, dass man separat leben will. Aber auf welcher Grundlage will man in Kaliningrad separat leben? Äpfel werden aus dem Europa-Paradies nicht vom Himmel fallen. Das Gebiet muss sich doch irgendwie in Europa einbringen oder glauben die Separatisten, dass sie durchgefüttert werden? Europa braucht kein Kaliningrader „Avtotor“, keine Kaliningrader Werften und keine Kaliningrader Möbelindustrie und schon gar keine Kaliningrader Landwirtschaft. Die jährlich geförderten 350 Tonnen Bernstein werden aber nicht ausreichen, um eine Million russischsprachiger Bürger durchzufüttern.

Und wenn diese Separatisten sich vom Osten trennen wollen um sich dem Westen anzuschließen – tja, auch dann leben sie nicht separat. Man wechselt nur die Himmelsrichtung.

Und wenn man sich dann „separiert“ hat – welche Identität haben die Menschen dann? Es ändert sich doch praktisch durch die Herauslösung Kaliningrads aus der Russischen Föderation für die Menschen überhaupt nichts – außer, dass sie ungeliebte Neu-Bürger Europas sind, die dem europäischen Steuerzahler auf der Tasche liegen – unnütze Esser wie die vielen Migranten die jetzt schon in Deutschland (Europa) sind. Sie werden keine Königsberger, sie werden keine Europäer und vor allem – sie sind auch keine Russen mehr, sie sind einfach ungeliebte Staatenlose.

Und vielleicht noch ein Argument zum Punkt „Fremde Erde“. Fakt ist, dass bis April 1945 dieses Gebiet zu Deutschland gehörte. Danach gehörte es zur Sowjetunion bzw. jetzt zu Russland als Rechtsnachfolger. Es gehört aus zwei Gründen zu Russland:

  1. Es gibt Beschlüsse der Potsdamer Konferenz und somit ist Kaliningrad das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges.
  2. Die Sowjetunion hat das Königsberger Gebiet gekauft und bezahlt mit dem Blut von 27 Millionen Bürgern. Ich finde, der Preis war sehr hoch. Deutschland kann diesen Kaufpreis nicht mehr zurückerstatten – die Menschen sind tot. Warum sollte also Russland das Gebiet zurückgeben?

Kaliningrad braucht kein föderales Ministerium für die Entwicklung des Fernen Westens. Wir brauchen hier ein Konzept für die effektive Nutzung des Kaliningrader Gebietes im Interesse der Russischen Föderation und unter Beachtung der gegenwärtigen politischen Situation. Gibt es so ein Konzept, so geht es allen Bürgern gut und kein Mensch wird Gedanken an irgendeinen Separatismus oder anderen Unsinn verschwenden.

Kaliningrad-Domizil hatte am 20. August 2014 unter der Überschrift „Kaliningrad den Königsbergern“ eine Analyse der Schritte erstellt, die gegangen werden müssen, wenn der Status Quo des Gebietes Kaliningrad verändert wird. Er gehört zu den meistgelesenen Artikeln auf unserem Portal. Schauen Sie doch mal rein und es wird jedem schnell klar, das die Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1990 ein Sonntagsspaziergang war, im Vergleich zu den Arbeiten, die durch Kaliningrad-Separatismus hervorgerufen werden.

Screenshort: Klicken Sie auf die Grafik um die Folgen einer Veränderung des Status-Quo zu erfahren


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Kommentare ( 3 )

  • ru-moto

    Veröffentlicht: 30. Juni 2016 01:00 pm

    ...[Man muss der Bevölkerung zu verstehen geben, dass sie immer Schuld ist und je schuldiger sie ist, um so weniger hat sie es verdient in die Gemeinschaft Europas aufgenommen zu werden. Mit anderen Worten: Es ist schlimm ein Kaliningrader zu sein und noch schlimmer ist es, sich hier aufzuhalten.]

    Das Lesen solchen Schwachsinns wird mir als außenstehender Tourist immer unsympathischer.

  • Jenenser

    Veröffentlicht: 30. Juni 2016 10:18 pm

    Ich möchte noch einen weiteren Punkt ergänzen, warum das Kaliningrader Gebiet heute zu Russland zählt. Die Eingliederung erfolgte nach 1945 in die RSFSR, in die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, innerhalb der UdSSR. Aus dem heutigen russischen Verständnis ein kluger Schachzug. Wenn ich mir früher Landkarten ansah (vor 1991), war es nur zu erkennen, wenn die Unionsrepubliken farblich abgesetzt wurden.

    Keiner der Verantwortlichen in der Sowjetunion kam scheinbar auf die Idee, das Kaliningrader Gebiet verwaltungstechnisch zum Beispiel an die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik sofort oder einige Jahre später anzugliedern, ähnlich dem Wechsel der Krim im Jahr 1954 von Russland zur Ukraine.

    Am Status Kaliningrads gibt es deshalb nichts zu rütteln.

  • A. Bienenfreund

    Veröffentlicht: 1. Juli 2016 09:58 pm

    Da vom "Westen" gerade massiv das Blattgold abblättert, werden es die Vertreter der "Russland ist Barbarei - Westen ist Zivilisation"-Denkverkrümmung und ihre Förderer schwer haben, mit ihrer Botschaft nennenswerten Widerhall zu finden. Zumindest, wenn der russische Staat seinen Aufgaben einigermassen nachkommt. Von daher glaube ich nicht, dass das "ukrainische Szenario" in Kaliningrad greifen kann. Aber Vorbeugen ist besser als Heilen und so ist, glaube ich, auch als Schaffung von Problembewusstsein zu verstehen, dass das Problem der Kaliningrader Öffentlichkeit so deutlich nahegebracht wird.

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