Theoretische Träume eines Deutschen in Kaliningrad

Theoretische Träume eines Deutschen in Kaliningrad
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

 

Irgendwas funktioniert nicht mit den Deutschen in Kaliningrad. Ich meine das wirtschaftliche Engagement Deutscher in der ex-deutschen-Landschaft, bekannt auch als „Königsberg“ oder „Ostpreußen“. Deutsche Dörfer wollen Deutsche bauen, deutsche Fabriken aber nicht.

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen – es gibt defacto kein deutsches Engagement im Kaliningrader Gebiet und es gab nie deutsches Engagement im Kaliningrader Gebiet. Ich lebe hier seit dem 18. April 1995 und ich sah viele kommen und viele gehen. Wir brauchen auch nicht die begrenzten deutschen wirtschaftlichen klein- und mittelständischen Aktivitäten, die es im Kaliningrader Gebiet gibt, künstlich großreden.

Fakt ist, dass die Hamburger Handelskammer seit 1994 in Kaliningrad anwesend ist. Das hat aber nicht dazu geführt, dass deutsche Unternehmen dieser Vertretung die Türen einrennen und Herr Dr. Stefan Stein aus Zeitmangel nicht mehr dazu kommt, sich den Arbeitsschweiß von der Stirn zu wischen.

Fakt ist, dass das deutsche Generalkonsulat seit 2004 in Kaliningrad anwesend ist. Das hat aber nicht dazu geführt, dass deutsche Unternehmen dies als Signal verstanden haben, die deutsche diplomatische Vertretung als Garant für ein gesichertes und beschütztes wirtschaftliches Engagement in der ex-deutschen-Landschaft zu nutzen.

Fakt ist, dass seit 2005, wieder bedingt durch die Aktivitäten eines Deutschen, die Assoziation der ausländischen Investoren gegründet wurde. Deutsche Firmen haben in dieser, jetzt sterbenden Wirtschaftsvereinigung, nie eine dominierende Rolle gespielt – ja, eigentlich haben sie gar keine Rolle gespielt.

Fakt ist, das es keine Deutschen gibt, die im Kaliningrader Gebiet ein Unternehmen gründen oder eine Fabrik bauen wollen – noch nicht mal BMW will dies. Aber es ist auch Fakt, dass es Deutsche gibt, die deutsche Dörfer im Kaliningrader Gebiet bauen wollen, die autonom funktionieren sollen. Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass es bei diesen „Investoren“ mit nicht ganz rechten Dingen zugeht und Kaliningrad auf derartige Investoren doch lieber verzichten sollte.

Und für mich steht nun die Frage, ob Kaliningrad generell auf Deutsche verzichten sollte – also ich meine auf deutsche Investoren. Ich habe in meinem Bekanntenkreis mal die Frage gestellt und auf die Reaktion geachtet … es war so eine dahingeworfene Frage, mal so nebenbei gestellt. Und alle reagierten irgendwie „empört“ – nein, niemand will anscheinend auf deutsche Investoren in Kaliningrad verzichten – wenn sie denn ehrlich sind und auch bereit sind, ihre Tätigkeit nach den Festlegungen der russischen Gesetzgebung zu organisieren.

Es scheint aber Störendes zu geben.

Die Deutschen sprechen kein Russisch. Die Deutschen wissen auch nicht, wo man einen guten Dolmetscher findet.

Die Deutschen kennen die Gesetze nicht. Die Deutschen wissen auch nicht, wo man einen guten Rechtsanwalt findet.

Deutsche mögen keine Reisebürokratie, sie sind Visafreiheit gewohnt. Sie wissen aber auch nicht, wie man sich das Leben erleichtern kann.

Deutsche sind nicht selten grob, ungehobelt und treten oberlehrerhaft auf. Sie wissen nichts über die Em- und Befindlichkeiten der Russen.

Und ich habe mir mal die Frage gestellt, ob es irgendetwas gibt, was man da tun könnte und was vielleicht auch nicht viel Geld kostet. Und so kam es, dass ich ein wenig theoretisch geträumt habe.

Es müsste sich ein Deutscher finden, der sich in Kaliningrad engagieren will – sagen wir mal, er will einen Kiosk für den Verkauf deutscher Würstchen aufmachen.

Schön wäre es, wenn er einen Ansprechpartner in Kaliningrad fände, also z.B. eine „Fördergesellschaft deutsche Investitionen“. Aber man kann zweckmäßigerweise auch die Handelskammer Hamburg nutzen, da braucht nichts mehr gegründet werden. Oder man nutzt die Korporation für die Entwicklung des Kaliningrader Gebietes. Dort muss sich ein gut deutschsprechender Mitarbeiter befinden, der „alle Türen öffnen kann.“ Und dieser Mitarbeiter oder „Russische Pate“ wird von der Kaliningrader Gebietsregierung bezahlt. Gehen wir von einem Gehalt von 140.000 Rubel, also 2.000 Euro aus (ein fürstliches Gehalt), so wird er auch fürstliche Leistungen bringen und mit einem Gesamtaufwand von 1,7 Mio. Rubel erfährt die Gebietsregierung alles, was professionelle Consultingfirmen bisher nicht zustande gebracht haben.

Dieser Mitarbeiter wird dem deutschen Würstchenbuden-Investor zur Seite gestellt und begleitet ihn bei allen Behördengängen – angefangen bei der Regelung der Aufenthaltsrechte, sprich Visum, Arbeitsgenehmigung, Zeitweiliges Wohnrecht, Aufenthaltsgenehmigung und weiter bei der Registrierung in der Steuerinspektion, der Firmengründung, der Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt, dem Bürgermeisteramt, der Einweisung in die Möglichkeiten der multifunktionalen Servicezentren für Business und Privatpersonen, der Beschaffung von Wohn- und Arbeitsräumen – kurz, er begleitet ihn, beginnend mit dem ersten Grenzübertritt innerhalb der ersten 365 Tage rund um die Uhr, bis hin zu dem Zeitpunkt, wo der Deutsche in die Medien-Kamera spricht: „Toll, ich habe es geschafft, ich bin zufrieden“, oder einen anderen Text spricht, wo er sich weniger zufrieden äußert.

Im Verlaufe eines Jahres wissen wir dann, was wir alles in Kaliningrad verkehrt machen und weshalb keine Deutschen kommen. Und viel Geld kosten tut dies auch nicht – weder für den Deutschen noch für Kaliningrad.

Aber man muss nicht ein Jahr warten. Kaliningrad ist interessiert an deutschen Investoren. Also wird dieser Deutsche das ganze Jahr über medial begleitet und gibt in regelmäßigen Abständen Interviews und teilt allen mit, was er an Positivem und weniger Positivem erlebt hat und wie Probleme gemeistert worden sind (oder auch nicht). Und der potentielle, in den Startlöchern sitzende Deutsche in Deutschland verfolgt alles aufmerksam und entschließt sich ein Jahr später, die Erfolgsgeschichte des Würstchenbuden-Investors zu kopieren (vielleicht aber auch schon etwas eher). Und der „russische Pate“ steht auch diesem zweiten Deutschen zur Verfügung und vielleicht kommt auch noch ein dritter Deutscher dazu. Dann können nach einem Jahr diese drei Deutschen schon einen deutschen Wirtschaftsclub gründen und können sich einen eigenen Paten suchen oder ihr erworbenes Wissen dem vierten, zehnten, hundertsten, tausendsten deutschen Investor direkt übermitteln.

Danach kommt es dann zur Gründung einer „Assoziation deutscher Unternehmer im Kaliningrader Gebiet“, einer dann schon korruptionsfreien Zone, wie sie vom Gouverneur Anton Alichanow angekündigt worden ist und in einem Gebiet, wo deutsche Investoren visafrei und kostenfrei einreisen können, denn ab 1. Juni 2019 kommt das elektronische Visum, was auf Deutsch „Visafreiheit“ heißt. Der Deutsche kann also völlig bürokratiefrei ab 1. Juni sein Business in Kaliningrad kontrollieren und anleiten.

Sie lächeln jetzt? Sie meinen, ich bin ein Träumer? Sie meinen, ich schlage hier nur eine große russische Propagandaaktion vor? Nun, Sie können über diesen Beitrag und die Träumereien eines Deutschen denken wie sie wollen, von mir aus bezeichnen Sie dies auch als „Potjomkinsches Consulting“. Ich weiß nur, dass ich seit 1995 hier erfolgreich arbeite. Was mache ich also richtig, was machen andere Deutsche verkehrt? Was macht Kaliningrad verkehrt? Was macht Kaliningrad richtig? Im teuren St. Petersburg und im noch teureren Moskau tummeln sich deutsche Unternehmer. Warum nicht im preiswerten Kaliningrad? Gehen die Russen im großen Russland mit Deutschen anders um wie die Russen im kleinen Russland? Versuchen wir doch einfach mal einen Neustart in den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen in Kaliningrad, mit kleinen Schritten, ohne großes Risiko, aber eventuell mit großem wirtschaftlichem Effekt.   

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Kommentare ( 2 )

  • Hauke

    Veröffentlicht: 16. März 2019 13:23 pm

    Tja, warum in Moskau und Sankt Petersburg?
    Warum nicht in Kaliningrad?
    Einfach mal auf die Landkarte und auf die Bevölkerungszahl schauen
    und schon haben Sie die Antwort.

  • boromeus

    Veröffentlicht: 16. März 2019 19:57 pm

    Guter Vorschlag.Aus eigener Erfahrung kann ich ein Teil Ihrer Argumente bestätigen.Es fehlt sehr oft und Hr. Stieblich bestätigte es, an Ansprechpartnern.An wen muß ich mich wenden?Es fehlt Jemand, der diese Dinge in die richtgen Bahn lenkt,sprich Empfehlungen in Bezug auf Administrtion ect.nennen kann.Man steht als einer "von Aussen"völlig hilflos davor.Natürlich kann ich das Netz bemühen, weiss dann aber immer noch nicht ,ob ich dann gut beraten bin.Es fehlt ein "Pate" der weisend tätig wird.Das Beispiel Dolmetscher ist ein ganz profaner Fall.Als Insider ist das alles kein Thema.Am Wollen liegt das nicht.Wenn ich als Ausstehender nicht weiß ,wen ich fragen kann,wo ich hin muss ,wird das schwierig.Vielleicht ist dieses Consalting auch eine gute Geschäftdsidee,denn für Gottelohn arbeitet auch in KGD keiner.Und ich denke, das lassen sich Interessenten etwas kosten.Denn es erspart Zeit und vermeidet"Fehltritte in Fettnäpfe",die man vielleicht als Aroganz und Oberlehrerhaftigkeit deutet.

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