Wie diszipliniert man das russische Bankensystem auf Kosten der Kleinanleger?

Wie diszipliniert man das russische Bankensystem auf Kosten der Kleinanleger?

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Wie diszipliniert man das russische Bankensystem auf Kosten der Kleinanleger?

Ständige Leser unseres Portals wissen, dass das Thema „Finanzen“ eines meiner Lieblingsthemen ist. Und natürlich ist auch die Tätigkeit eines anderen Teils unserer Informationsagentur kommerzieller Art und mit Finanzen verbunden. Somit sind auch alle Informationen wie man mit Geld arbeiten, wie man Geld verdienen, wie man sein Geld schützen kann und wie der russische Staat versucht auf alle diese Dinge Einfluss zu nehmen, von erstrangigem Interesse – für mich. Und heute geht es darum zu zeigen, was sich kluge Russen zu diesem Thema einfallen lassen – nicht immer im Interesse der Bankkunden.

Ein kluger Russe ist für mich beispielsweise Herman Gref, der Chef des größten Kreditinstitutes der Russischen Föderation. Er ist für mich deshalb klug, weil er nicht nur als Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel (2000 – 2007) seinen Mann gestanden hat, sondern weil er seit 2007 die tranige sowjetische Tante „Sberbank“ zu einem modernen russischen Finanzdienstleistungsinstitut umbaut. Jetzt macht es schon Spaß, mit dieser Bank Geschäfte zu machen, dort sein Firmen- und Privatkonto zu haben und mit den kompetenten Mitarbeitern zu sprechen. Und die Filialen selber haben ein frisches, modernes, angenehmes Outfit erhalten. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten und man muss auch nicht mit allem einverstanden sein, was kluge Leute wie er so von sich geben.

Fotomontage: Herman Oskarowitsch Gref – Chef der Sberbank

 

Seit Mitte 2013 hat Elvira Nabiullina begonnen im russischen Bankensektor aufzuräumen. Jeden Monat verlieren unzuverlässige, unehrliche, ungesetzlich arbeitende Banken ihre Lizenz – seit ihrem Amtsantritt immerhin schon 153 Banken. Und ich glaube, weitere 300 Banken werden in den kommenden drei Jahren das Zeitliche segnen.

Grafik: Lizenzentzüge der russischen Zentralbank

 

Alle diese Lizenzentzüge sind aber auch mit Versicherungen der Bankeinlagen der Privatkunden und der Einzelunternehmer verbunden – das System ist ähnlich dem Bankeinlagensicherungssystem in Deutschland. Ausbezahlt wird dem Privatanleger oder dem Einzelunternehmer seine angelegten Gelder, jedoch nicht mehr als 1,4 Mio. Rubel – also rund 25.000 Euro. Alles was sich auf den Konten über dieser Summe befindet wird in die Konkursgruppe 1 und 2 eingeteilt und dann aus der Konkursmasse, sofern vorhanden, ausbezahlt.

Die Versicherungsagentur, eine Struktur die sehr eng mit der russischen Zentralbank zusammen arbeitet, ist reichlich mit Geldern ausgestattet, denn immerhin sind die russischen Banken, die an diesem Bankeinlagensicherungssystem teilnehmen, gesetzlich verpflichtet, dort Beträge einzuzahlen. Gegenwärtig haben wir in Russland noch 858 Banken im Einlagensicherungssystem und 149 Banken, die an diesem System nicht teilnehmen oder von der Zentralbank nicht zugelassen worden. Wer also dort Geld anlegt ist selber schuld – oder einfach nur leichtsinnig.

Grafik: Kennzeichnung der Banken im System der Einlagensicherung

 

An sich verliert der russische Staat kein Geld aus dem Staatshaushalt, da der Einlagensicherungsfond durch Einzahlungen der Banken gefüttert wird. Die Sberbank zahlt sehr viel ein und die Bank „Iwanutschka“ zahlt weniger ein. Und so kann es kommen, dass die Kunden der Bank „Iwanutschka“ abgefunden werden mit Geldern, die sich von der Sberbank in diesem gemeinsamen Versicherungstopf befinden – es ist eben ein kollektives Sicherungssystem. Und es ist klar, dass die Einzahlungen der Banken in diesen Versicherungstopf natürlich die Gewinne der Banken schmälern. Und es gibt noch andere Überlegungen, denn gegenwärtig teilen sich 858 Banken das Geld der russischen Anleger – wie schön wäre es doch zu sowjetischen Zeiten zurückzukehren, wo nur eine Bank – nämlich die Sberbank über alle privaten Gelder der Landeskinder verfügen konnte. Davon träumt nun aber Herman Gref – scheint mir.

Schon lange wurde davon gesprochen, die Verantwortung der Kleinanleger in Russland zu erhöhen. Man führte kostenlose Finanzschulungen durch und wollte damit das Bewusstsein der Russen, sich intensiver um ihre Finanzen Sorgen zu machen, wecken. Aber die wenigsten Russen machen sich Gedanken bis übermorgen, also Gedanken, dass irgendetwas nicht planmäßig verlaufen kann. Man sieht die hohen Zinsen, die die Banken zahlen und dort wo die Zinsen am höchsten sind, dort wird das Geld auch angelegt – und keiner berücksichtigt die altbekannte Tatsache, dass da, wo hohe Zinsen bezahlt werden, auch das Risiko hoch ist.

Und so machte Herman Oskarowitsch schon am 23. März den Vorschlag, dass man im Falle eines Lizenzentzuges den Kunden nicht die volle Summe ihrer Anlage auszahlt, sondern nur 90 Prozent. 10 Prozent Risiko soll der Sparer selber tragen – so die Meinung von Gref.

Wer mag wohl diesen Unfug dem Sberbank-Chef zugeflüstert haben? Diese Vorgehensweise hebelt die Regelungen zur Erstattung der Anlagen bis zu einer Höhe von 1,4 Mio. Rubel aus. Da kann man doch gleich die Versicherungssumme wieder runtersetzen. Und ich stelle mir die alte Oma vor, die vielleicht 10.000 Rubel bei einer Bank angelegt hat und die heute im Versicherungsfall auch diese Summe bekommt, aber nach neueren Überlegungen doch nur 9.000 Rubel erhält. Für Babulka ist das eine Katastrophe.

Foto (www.likiness.ru) – leicht abgewandelter Spruch eines römischen Kaisers

 

Einen Unterstützer für diese Idee fand Herman Oskarowitsch Gref in der Person des russischen Wirtschaftsministers Uljukajew. Der meinte auch, dass die russischen Anleger für ihren Leichtsinn, bei einer unsicheren Bank ihr Geld anzulegen, durchaus mit zehn Prozent bestraft werden sollten. Also schon zwei führende kluge russische Köpfe, die nicht im Sinne des kleinen russischen Sparers denken. Dazu kritisierte er auch die Anleger, die sogenanntes Banken-Hopping machen, also ihr Geld schnell hin- und herschaufeln, um möglichst ein Maximum an Zinsen zu verdienen. Und da wir wissen, dass die Sberbank zwar eine sichere Bank ist, aber wenig Zinsen zahlt, ist so ein Hopping natürlich nicht im Sinne dieser staatlichen Struktur und dafür hat der Beamte Uljukajew natürlich Verständnis.

Dann hatte Gref noch einen weiteren Gedanken – nein, er hatte sogar drei Gedanken, die all diejenigen, die ihr Geld mit Geld verdienen eigentlich so richtig in Rage bringen müssten (ich hätte auch schreiben können: „auf die Barrikaden bringen müssten…“, aber in der gegenwärtigen Situation können solche deutschen Redewendungen falsch verstanden werden).

Herman Gref will das russische Bankensystem auf Kosten der Kleinanleger disziplinieren. Er hat das zwar nicht so gesagt, aber es führt letztendlich dazu hin. Der „angenehme“ Nebeneffekt seiner Vorschläge bestand dann noch darin, dass es im Endergebnis wohl nur noch staatliche Banken in Russland geben wird und das ist nun wirklich nicht klug.

Um was geht es? Er hatte drei Vorschläge um das Verantwortungsbewusstsein der russischen Sparer zu erhöhen:

  1. Jeder Bürger (Sparer) soll ein Lebenslimit für die Auszahlung einer Versicherungssumme erhalten. Maximal soll der Sparer im Verlaufe seines Lebens höchstens drei Millionen Rubel ausbezahlt bekommen, wenn die Banken, bei denen er sein Geld anlegt, das Zeitliche segnen.
  2. Die zweite Variante sieht vor, Versicherungssummen nur einmal in fünf Jahren zu zahlen.
  3. Die dritte Variante sieht die Auszahlung einer einmaligen Versicherungssumme für einen Versicherungsfall vor. Danach sind sämtliche weiteren Anlagen des Sparers nicht mehr versichert.

Logischerweise fangen die Sparer an zu denken und sich zu fürchten, denn wer will schon Geld verlieren. Und was tut man? Man zieht das Geld von allen „unsicheren“ Banken ab und übergibt sie sicheren Banken – richtig? Aber sicher ist in Russland eigentlich nur eine Bank – die Sberbank. Und wenn alle anderen Banken kein Geld mehr haben, so verschwinden sie von selbst vom russischen Markt und ersparen der Zentralbank das Prozedere des Lizenzentzuges. Somit säubert der kleine russische Sparer das russische Bankensystem.

Gref machte diesen Vorschlag während einer Sitzung bei Dmitri Medwedjew. Die dort anwesenden anderen Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Finanzen zeigten sich wenig begeistert und meinten, dass Russland damit wieder zum sowjetischen System zurückkehre, wo es nur eine Bank gab und die auch in staatlichen Händen lag. Die Monopolisierung des Finanzsektors dürfte damit wohl mehr negative Folgen haben als positive Momente. Auch die Diskussionen danach brachten mehr Kritik zu diesen Gedanken von Herman Gref.

Der Direktor des Bankeninstituts Hochschule für Ökonomie, Wassili Solodkow informierte, dass diese Vorschläge nicht nur der russischen Gesetzgebung widersprechen sondern auch dem gesunden Menschenverstand. Er erinnerte an die internationale Praxis, wo alle Banken versuchen Bedingungen zu schaffen, damit der Anleger seine Gelder nicht auf zehn Banken aufsplitten muss, um bei Bankrott kein Geld zu verlieren.

Der Vertreter der russischen Zentralbank äußerte sich im April dahingehend, dass seine Behörde den Vorschlag des Chefs der Sberbank genau auf alle Vor- und Nachteile analysieren wird. Jetzt hat die Zentralbank dies getan und kam zu der Erkenntnis, dass der Vorschlag  - also eigentlich alle vier Vorschläge von Herman Gref - nicht klug sind. Eine solche Vorgehensweise führt zum Vertrauensverlust der Anleger zu den russischen Banken und die gegenwärtig funktionierenden Maßnahmen zur Kontrolle der Handlungen der sogenannten „aggressiven“ Banken sind völlig ausreichend – so der Vertreter des russischen Mega-Regulators für das Banken- und Versicherungswesen.

Danach äußerte sich auch das föderale Finanzministerium ablehnend zu den Gedanken. Der stellvertretende Minister Alexej Moisejew informierte gleichzeitig, dass auch die Agentur für die Versicherung der Bankeinlagen nicht begeistert ist. Er brachte das Beispiel Großbritanniens aus dem Jahre 2009 an, wo die Kunden eine kleine „Selbstbeteiligung“ hatten und dies dann dazu führte, dass  bereits bei den leisesten Gerüchten über Bankschwierigkeiten die Sparer beginnen die Banken zu stürmen – also genau das, was man eigentlich in Russland verhindern will.

Wenn ich die Situation auf dem russischen Bankensektor „… mit deutschem akzent“ analysiere, so bin ich sehr zufrieden. So wie es ist, ist es gut. Die Zentralbank liquidiert unzuverlässige Banken Schritt für Schritt, die Zinsen in Russland sind hoch – es macht Spaß hier Geld anzulegen und es macht auch nicht allzuviel Mühe, sich einen Überblick über die Zuverlässigkeit der Banken zu schaffen und sein Geld entsprechend aufzusplitten. Trotzdem die unklugen Gedanken von Hermann Gref zum Glück nicht umgesetzt werden, bleibe ich bei meiner Meinung, dass Russland über kluge Leute verfügt, zu denen auch Herman Gref gehört. Jeder denkt und handelt eben klug im Sinne seines Verantwortungsbereiches. Dies gelingt nicht immer, aber immer öfter …

In der russischen Staatsduma ist am vergangenen Freitag das Gesetz über die Kapitalamnestie für Privatanleger in dritter und somit letzter Lesung angenommen worden. Nach der Unterschrift des Präsidenten sind alle russischen Tore offen, um das im Ausland geparkte (und jetzt von Sanktionen bedrohte) Kapital nach Russland straffrei zurückzuführen und in die russische Wirtschaft zu investieren. Da das Gesetz wohl noch im Juni 2015 in Kraft tritt (an der Unterschrift von Putin gibt es keine Zweifel), werden wir sicherlich bis zum Jahresende noch auf interessante Statistiken hoffen können.
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