Zwei Meinungen, zwei Extreme – wem gehört Kaliningrad, wohin geht Kaliningrad?

Zwei Meinungen, zwei Extreme – wem gehört Kaliningrad, wohin geht Kaliningrad?

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Zwei Meinungen, zwei Extreme – wem gehört Kaliningrad, wohin geht Kaliningrad?

Am Sonntag vor einer Woche gingen zwei Meldungen durch die russischen Medien die dem Gebiet Kaliningrad, oder je nach Standpunkt, dem ostpreußischen Königsberg gewidmet waren. Die Ansichten sind völlig entgegengesetzt und stimmen letztendlich aber doch überein – beide machen sich Sorgen um Kaliningrad.

Am Sonntag äußerte sich der Präsident der Akademie für geopolitische Probleme Leonid Iwaschow zur gegenwärtigen Lage in und um Kaliningrad. Als ich den Beitrag des Informationsportals „Newsbalt“ zu den Äußerungen des ehemaligen Generalobersten der russischen Armee und heutigen Akademiepräsidenten las, war meine Meinung sowohl zustimmend wie ablehnend. Einige Schlussfolgerungen schienen mir doch sehr weit hergeholt zu sein.

 

 

Der Akademiepräsident, der, gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern aus St. Petersburg nach Kaliningrad gekommen war, um hier eine Filiale seiner Akademie zu gründen, vertrat die Meinung, dass in Kaliningrad gegenwärtig ein gewaltiger Informationskrieg läuft.

In dieser Meinung wird er durch Wladimir Schulgin unterstützt, einem Kaliningrader Geschichtsprofessor, der der neue Leiter der Kaliningrader Filiale der Akademie für geopolitische Probleme werden soll. Dieser hatte in einem Interview mit dem Portal „Newsbalt“ am 26. Mai 2015 erklärt:

 

Der Präsident der Akademie erklärte, dass das Ziel seiner Reise nach Kaliningrad die Eröffnung einer Filiale der Akademie ist. Diese soll analysieren, welche seichten Operationen der Westen in Kaliningrad durchführt, welche Mittel und Methoden der Westen anwendet. 

„Lassen wir uns nicht täuschen, das Kaliningrader Gebiet ist ein Objekt der deutschen Begierde“, - so der Akademiepräsident. „Wir sehen, wie filigran die Deutschen hier arbeiten. Begonnen haben sie damit, die Friedhöfe zu besuchen und jetzt versuchen sie die Liebe der Kaliningrader zur deutschen Geschichte zu wecken, bei gleichzeitiger Ignorierung der russischen Geschichte“, - so Akademiepräsident und Generaloberst Iwaschow.

„Im Kaliningrader Gebiet findet ein gewaltiger Informationskrieg statt. Er findet direkt auf der Straße statt. Als ich gestern ankam, fuhr ich am „Platz des Sieges“ vorbei. Dieser Platz trägt die Bezeichnung „Sieg“, aber wenn sie hinschauen, wer hat dort gesiegt? Die Sberbank, die Alpha-Bank und die deutsche Raiffeisenbank. Glauben Sie, das ist zufällig?“, - so der Leiter der Akademie weiter in seinen Schlussfolgerungen.

Er schlussfolgerte weiter, dass die Bankenreklame eine Verbrauchermatritz ist, der den Sieg der westlichen Zivilisation widerspiegelt. Und er stellte die Frage, warum die Kaliningrader Verantwortlichen nicht mit den gleichen großen Buchstaben wie die russische Sberbank die Bezeichnung „Platz des Sieges“ dort aufgestellt haben.

Foto: Gebäude der Technischen Universität am Platz des Sieges in Kaliningrad


Während ich mit viel Verständnis den ersten Teil seiner Darlegungen gelesen habe und auch hier nicht ganz die, seiner Meinung nach, führende Rolle Deutschlands in der „Heim ins Reich Politik“ teile, sondern doch nur die führende Rolle Deutschlands in der Europäischen Union und die nicht unwesentliche Rolle Deutschlands in der NATO anerkenne, so kann ich mich mit den Schlussfolgerungen zur Bankenreklame absolut nicht anfreunden, denn diese Argumentation scheint mir sehr weit hergeholt zu sein. Interessant wäre es zu sehen (ich kenne mich da nicht aus), welche Zeichen der „Zivilisation“ sich rings um den Roten Platz in Moskau angesammelt haben. Und das es auf dem Platz des Sieges in Kaliningrad auch eine große Siegessäule gibt und die russisch-orthodoxe Kirche, als wichtige moralische Instanz der russischen Gesellschaft zwei Kirchen dort errichtet hat – ist das nichts, was zur russischen Identität dieses Platzes beiträgt?

Foto: Platz des Sieges in Kaliningrad mit russischen gesellschaftlichen Symbolen

 

Soweit zum ersten Teil extremer Ansichten, die ich am Sonntag vor einer Woche mit Interesse gelesen hatte. Und wenige Stunden später meldete die russische Zeitung „Lenta.ru“:

Screenshot Lenta.ru 

 

McFaul war von 2011-2014 amerikanischer Botschafter in Russland. Wer einen Blick in seinen Lebenslauf wirft wird unzweifelhaft zu der Schlussfolgerung kommen, dass dieser Mann sich mit Fug und Recht als Russland-Kundiger bezeichnen kann, denn einen Großteil seines Lebens und seiner beruflichen Laufbahn hat er mit der Sowjetunion und Russland verknüpft. Er weiß wovon er spricht. Böse Zungen behaupten sogar, dass er derjenige gewesen sein soll, der die sozialen Unruhen 2011/2012 in Russland dirigiert hat.


 

Die Diskussion bei Twitter begann damit, dass eine @VeraVanHome erklärte, dass die Krim schon zu Russland gehörte, als die amerikanischen Gründungsväter gerade begonnen hatten die USA zu schaffen.

Daraufhin erwiderte der US-Diplomat, dass Kaliningrad auch mal eine deutsche Stadt war – über viele Jahrhunderte und sich damals Königsberg nannte. Bedeutet das, dass nun Deutschland auch das Recht der Annexion von Kaliningrad hat – fragte er die Nutzerin zurück.

Dann begann eine rege Diskussion mit anderen Nutzern, die den amerikanischen Politiker daran erinnerten, dass der Staat Texas auch früher zu Mexiko gehörte.

Daraufhin antwortete McFaul, dass der Fluss Amur auch mal zu China gehörte.

Dann wurde er gefragt, wie es denn mit den Städten Danzig und Breslau ausschaut, die auch ehemals deutsche Städte waren und heute zu Polen gehören. „Müssen die dann auch wieder an Deutschland zurückgegeben werden?“, fragte @VeraVanHome.

Und der ehemalige amerikanische Botschafter in Russland antwortete: „Natürlich nicht. Aber nach Ihrer Logik schon, ja.“

Danach schaltete sich McFaul anscheinend aus der Diskussion aus.

Was zeigt uns diese Diskussion? Sie zeigt, dass Kaliningrad im Zentrum der Aufmerksamkeit westlicher Staaten steht. Warum wird (in der letzten Zeit immer häufiger) bei Diskussionen um die Krim und der Rechtmäßigkeit des Beitritts zur Russischen Föderation immer wieder Kaliningrad ins Feld geführt? Beide Subjekte der Russischen Föderation haben überhaupt nichts miteinander zu tun – außer dass sie Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit sind.

 

 

Und die Diskussion zeigt, dass man von einem (territorial) streitigen Objekt zum anderen kommt und das wiederum erinnert mich an die Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wo es darum ging, dass Deutschland ein Stück vom großen kolonialen Kuchen haben wollte (und dann nicht bekam) und an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, der eigentlich dazu dienen sollte, die Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg zu korrigieren und doch noch eine neue Weltordnung zu schaffen. Geht es jetzt auch wieder darum, nach dem Motto: „Am Anfang stand das Wort“.

Am Sonntag haben sich also, unabhängig voneinander, zwei Extreme in den Medien zu Wort gemeldet. Beide Extreme vereint aber die Meinung, dass Kaliningrad ein besonderes Gebiet ist. Hoffen wir, dass uns der Besuch irgendeines Thronfolgers und die Gefahr eines tödlichen Attentats erspart bleiben. Und hoffen wir, dass man in Kaliningrad die Radiostationen gut bewacht, damit niemand Anlass hat, ab 5.45 Uhr zurück zu schießen.
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Kommentare ( 3 )

  • boromeus

    Veröffentlicht: 28. März 2016 02:26 pm

    ..Herr vergib Ihnen,denn sie wissen nicht ,was die tun.."zuerst besuchen sie ihre Friedhöfe..Im Gegensatz zu manchen Russen, die meinen, dass mit dem Tod der Mensch vergangen ist und man dann keine Totenkultur braucht,weil.....es gibt ihn ja nicht mehr!Und welche Friedhöfe?Die man in Kaliningrad einfach mit Schnellstrassen überbaut hat?Oder die von Grundstücksspekulanten ohne Umbettungen einfach neu bebaut wurden?In deren Ariale selbst russische Staatsbürger der 60ger Jahre bestattet waren?Oder wie in Lesistoe, dem ehemsligen Nassawen, von russischen Grabräubern und Edelmetallsuchern deutsche Gräber geschändet und zerstört wurden?Was ist das für eine Kultur ,die selbst vor solchen Dingen keine Achtung hat?
    ...Gebiet deutscher Begierde?An dem einst blühenden Land ,dass die sogenannten Sieger in 70 Jahren bis zur Unkenntlich heruntergewirtschaftet haben, hat in Deutschland kein Mensch mehr Interesse.Der Umerziehung der Sieger sei Dank.Es waere löblich im Sinne der Menschen im Oblast, sich um die grundsätzliche Verbesserung der Lebensumstände zu kümmern,sofern die hohen Herren das überhaupt noch auf die Reihe bekommen ,als solche geistigen Ergüsse ,die jeder Grundlage entbehren, zu erzeugen.Es ist wahrlich eine grosse Leistung eine über 750 Jahre alte Kultur innerhalb kürzester Zeit mit Stumpf und Stiel auszurotten.Und das was an vergleichbarer russischer Kultur in dieser Zeit geschaffen wurde ,ist nicht ganz viel. Und ich kann mir auch nicht vorstellen ,dass Herr Professor zum Kac..aufs Plumsklo muss.Oder sich sein Trinkwasser aus alten Brunnen holen muss,weil das alles immernoch nicht geschaffen wurde,auf dem Land..Oder man kein Trinkwasser in Kaliningrad aus den Hahn trinken kann,weil das mehr als marode Netz zu über 50% immer noch aus deutscher Zeit stammt und bisher nicht erneuert wurde Aber vielleicht gerade deswegen haben wir Deutschen ein so grosses Interesse am Oblast.Rein aus nostalgischen Gründen,versteht sich.Weil wir Ruinen und das rustikale so lieben an Kaliningrad...Diese Zustände gab es bei uns schon 8 Jahre nach dem Krieg nicht mehr.
    Vielleicht denkt Herr Schulgin mal darüber nach, wer den Oblast dorthin geführt ,wo er jetzt ist.Wahrscheinlich die Deutschen und die Raiffeisenbank..Beschämend!Einfach nur beschämend!Man gut das meine Vorfahren das nicht mehr erleben müssen.
    Und eines ist auch Fakt.Der Kaliningrader Oblast wird zum Armenhaus Europas, wenn man sich nicht alsbald auf elementare Dinge konzentriert, die der Oblast braucht ,damit seine Bewohner mitten in Europa an den Dingen teilhaben können, die im Jahre 2016 Standart sind.Solche Aussagen wie die von Schulgin sind propagandistisch als besonders wertvoll einzustufen.Den Menschen aber hilft nur die Tat.Nicht das Wort....aber jeder halt so wie er am besten kann...

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 28. März 2016 09:17

      ... bitte beachten Sie bei künftigen Wortmeldungen, dass diese nicht mehr als tausend Zeichen umfassen sollten (also höchstens die Hälfte von dem was Sie jetzt kommentiert haben). Ich setze dann immer die Löschtaste ein und dies würde so aussehen, als ob zensiert wird ... und das möchte ich vermeiden.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 28. März 2016 12:45 pm

    "Böse Zungen behaupten sogar, dass er derjenige gewesen sein soll, der die sozialen Unruhen 2011/2012 in Russland dirigiert hat."
    An den Zungen wird wohl nicht viel Böses gewesen sein. Das ist die übliche Vorgehensweise dieser "Befreier" vom anderen Ufer. Um es kurz zu halten und Uwe nicht wieder zu erzürnen, nur die Ukraine noch als Beispiel. Telefonat Nuland - US-Botschafter. wer mehr wissen will, ab ins Net, selber suchen.

    boromeus,
    Ihr Beitrag kam aus tiefsten Herzen. Aber er ist nicht mit dem Verstand gekoppelt. Sie haben Ursache, Wirkung und Bedingungen dieser ganzen Sache nicht mit einbezogen. Schauen Sie sich, wenn Sie eine Möglichkeit haben sollten, die Karte des "Deutschen Reiches" von 1895 an, von 1914, von 1919, 1937, 1945, 1949 und 1990. Und die Karten der anderen europäischen Länder.
    Die Schlußfolgerungen für Ursache und Wirkung nicht nur aus diesen Ländern selbst heraus, sondern auch auf diese Länder sollten Sie von der Warte eines Dritten betrachten.
    Es ist nicht leicht, weil man seine eigene bisherige Einstellung zu vielen Dingen selbst in Frage stellt.
    In einigen Fragen werden Sie zu Ihrer bisherigen Meinung zurück finden. Andere werden Sie neu bewerten.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 28. März 2016 13:03

      ... man erzürnt mich nicht mit langen Kommentaren. Ich finde es nur schade, wenn jemand sich sehr viele Gedanken macht, diese in das www eingibt und ich dann wegen Zeitmangels zum Lesen diese ganze Arbeit zunichte mache ...

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 28. März 2016 15:13 pm

    Hallo Uwe,
    einen schönen Ostermontag nach Kalinigrad. Sie wissen doch ganz genau, wie ich das meine. Ich kann ja auch sehr gut Ihren Standpunkt nachvollziehen.
    Um nochmals kuz auf das Thema einzugehen. Ich finde auch, daß Kalinigrad nicht so richtig die Führungspersönlichkeiten hat, die es eigentlich benötigen würde.
    Irgendwie wäre doch eigentlich prädestiniert so eine Art Schaufenster Rußlands zu sein. Da könnte man sich doch was einfallen lassen, wo man die Geschichte dieses schönen Fleckchen Erde so richtig mit einbindet. Kostet natürlich Geld. Aber erst einmal kluge Führungsköpfe, ein gutes Programm und starke Hände.
    Ich weiß, von der Ferne vor dem Laptop läßt es sich leicht den Zeigefinger heben.......
    Schönen Nachmittag

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