Ein fast sibirisches Dorf – Leben wie zur Zarenzeit

Ein fast sibirisches Dorf – Leben wie zur Zarenzeit
 
Schon lange hatte ich mir gewünscht, in die Tiefen Russlands zu reisen und mich mit dem wirklichen Leben der Russen vertraut zu machen. Immer wieder wurde mir gesagt, dass ich das wirkliche arme und elende Russland nicht kenne. Nun konnte ich es kennenlernen. Ich ergriff die Chance mit beiden Händen und beiden Füßen.
 
 
Die Einladung erhielt ich schon vor zwei Jahren von einem mir bekannten Kaliningrader Journalisten, dessen Eltern in einem Dorf im Ural wohnten. Durch die Corona-Krise wurde die Reise immer wieder verschoben. Nun fand sie statt.
 
Dazu kam, dass ein Abgeordneter der Staatsduma auf mich aufmerksam geworden war und meine Bekanntschaft machen wollte. Alexander Wladimirowitsch Iltjakow – ich kannte ihn nicht. Ich schaute, was man so im Internet über ihn schreibt und stellte fest: Wir haben vieles Gemeinsames. Er startete im Jahre 1995 in Russland mit Nichts und ich startete 1995 in Russland mit Nichts. Und beide haben wir heute unseren Platz in der russischen Gesellschaft gefunden. Ich nahm die Einladung dankbar an.
 
Es wurde ein Programm für eine Woche erarbeitet – nicht alle Details wurden mir mitgeteilt … immerhin sollte es Überraschungen geben.
 
Man bot mir an, drei Dörfer zu besuchen:
 
ein sogenanntes Vitrinen-Dorf, also ein Vorzeigedorf,
ein einfaches ganz normales Dorf im Ural, wie es tausende gibt,
und ein Dorf, in dem RusslandDeutsche wohnen.
 
Ich möchte Ihnen diese drei Dörfer vorstellen. 
 
Alle drei Dörfer hatten gemein, dass sie über sehr viele alte russische Holzhäuser verfügen. Auch in der Gebietshauptstadt Kurgan sah ich eine Menge dieser kleinen Häuser. Viele davon leider in einem traurigen Zustand und, es steht zu befürchten, dass diese historischen Gebäude wohl früher oder später neuen modernen Gebäuden weichen müssen. Mir kam sofort der Gedanke, wie es denn wäre, wenn man diese Gebäude, mit relativ wenigen Mitteln, für Touristen wieder instand setzen würde. Viele westliche Touristen würden sich sicherlich für einen Aufenthalt in den Tiefen Russlands, wie zur Zarenzeit, interessieren. Man tut etwas, um die Aura einer russischen Stadt oder eines russischen Dorfes mit Historie zu erhalten und tut gleichzeitig etwas, um Arbeitsplätze zu schaffen und die touristische Infrastruktur zu entwickeln. Der Kurganer Finanzminister wird sich über zusätzliche Steuereinnahmen sicher freuen.
 
Eine weitere Gemeinsamkeit, die ich in allen drei Dörfern festgestellt hatte war, dass niemand von der älteren Generation die Absicht hatte, das Dorf zu verlassen. Die Lebensbedingungen waren in allen Dörfern in etwa gleich, wobei natürlich im Vitrinendorf es schon einige wesentliche Vorteile, Annehmlichkeiten gab – aber dazu später. Es störte niemanden die Einfachheit des Dorflebens und die Wohnverhältnisse, die häufig wirklich Ähnlichkeit hatten, wie zur Zarenzeit. Die Bewohner fühlten sich wohl. Über Jahrzehnte hatten sie sich an die Einfachheit des Lebens gewöhnt.
 
Und eine dritte Gemeinsamkeit stellte ich fest: Die Jugend ist vom Dorfleben nicht beeindruckt und somit ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Bevölkerung der Dörfer ausstirbt. Es sei denn, man findet eine Möglichkeit, die Jugend für das Leben auf dem Land wieder zu interessieren. Dass es in jedem der von mir besuchten Dörfer ein gut funktionierendes Internet gibt, ist einerseits toll, aber andererseits für die Jugend natürlich auch eine Möglichkeit, sich über ein einfacheres, angenehmeres Leben in der großen, weiten Welt zu informieren. Wie hatte Ludmilla, meine Gastgeberin formuliert: Die Jugend hat nur noch Blick für Smartphones und TikTok-Töne, aber das Schreien der Hähne und das Muhen der Kühe empfinden sie als ruhestörenden Lärm. 
 
Und letztendlich stellte ich noch eine vierte Gemeinsamkeit fest: Alle drei Dörfer riefen bei mir unglaubliche romantische Gefühle hervor, Gefühle, die ich als Mann eigentlich so gar nicht haben dürfte. Aber mit zunehmendem Alter kann man es sich wohl schon leisten derartige naturverbundene, romantische Gefühle zu entwickeln, insbesondere, wenn es um russische Romantik geht, die sich vielleicht auch nicht jedem erschließt. Aber mir ist schon klar, dass die Dorfbevölkerung meine romantischen Gefühle nicht immer teilt – das Leben ist doch für die ständigen Bewohner etwas schwerer, als für zeitweilige, neugierige, Russlandreisende.
 
Im ersten Dorf, dem Vitrinendorf, dem Vorzeigedorf, feierte ich zusammen mit den Bewohnern den 12. Juni, den Tag Russlands. Dieses Dorf – man hat mich mehrmals darauf hingewiesen – ist kein typisches russisches Dorf. Es hat einfach nur Glück gehabt, dass Alexander Wladimirowitsch Iltjakow, zusammen mit seinem Bruder, zufällig in diesem Dorf, Anfang der 90er Jahre, ein Zimmer in einem leerstehenden Gebäude gefunden hatte und beide dort begannen, Wurst zu produzieren, in Handarbeit, für den dörflichen Bedarf … und dass in den wilden, finsteren 90er Jahren … der Zeit aller Möglichkeiten, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
 
Das Geschäft lief gut an und Alexander baute mit seinem Bruder die Firma auf. Sie gehört heute zu den führenden Lebensmittelproduzenten in der Region. Selber lebt der Duma-Abgeordnete in einer zeitweiligen Wohnung im Dorf … nicht in der Gebietshauptstadt oder gar Moskau. Er hat keine Zeit, sich um den Bau seines Hauses zu kümmern … seine Firma, sein Dorf, seine Mitmenschen fordern seine ganze Zeit.
 
In dem Dorf Schastoosjornо investierte der Unternehmer viel persönliches Geld, Geld, welches er gemeinsam mit den Bewohnern des Dorfes, von denen viele in seiner Firma arbeiten, verdiente. Natürlich nutzte er auch seine Möglichkeiten als Abgeordneter, um seinem Dorf zu helfen. Eine Schule, Bauruine aus Sowjetzeiten, wurde zu einer modernen Bildungseinrichtung, mit einem engagierten Lehrerkollektiv ausgebaut.
 
Es gibt ein Kultur- und Kinogebäude ...
 
Es gibt eine ganze Reihe von Verkaufseinrichtungen …
 
eine Feuerwehrstation ...
 
Eine kleine Kulturbühne, mit einem Cafè, bietet sich für Dorffeste an.
 
Wir finden in diesem Dorf, mit rund 2.800 Einwohner, sogar doppelsprachige touristische Hinweisschilder … Hinweisschilder für Touristen, die es aber nicht gibt. Schade eigentlich, denn diese Touristen verpassen einen Kirchenkomplex, der einfach paradiesisch ist … genießen Sie den Anblick jetzt mit mir ein paar Sekunden.
 
Und lassen Sie uns jetzt noch ein wenig durch das Dorf laufen und ein paar Momentaufnahmen anschauen.
 
Meine Frage nach öffentlichem regionalem Nahverkehr, wurde mit Erstaunen zur Kenntnis genommen … natürlich gibt es Busse, die regelmäßig fahren …
 
Kommentiert wurde auch, dass das Dorf wohl das Dorf mit den meisten Denkmälern in Russland ist. Klar, denn ein guter Bekannter von Alexander Iltjakow ist Skulpteur und hat seine Spuren sogar schon im Kaliningrader Baltisk mit dem Denkmal Alexander Newskis hinterlassen.
 
Dieser kleine Junge soll den Russen Pawel Durow darstellen, den Erfinder von Telegram-Kanal … eine nette Idee, eine nette Legende in einem Dorf vor den Toren Sibiriens.
 
Ganz typisch in allen drei Dörfern sind die riesigen Mengen von gehacktem Holz. Rechtzeitige Vorsorge im Sommer, sorgt für warme Stuben im Winter. Viele Dörfer in Russland haben, so absurd dies für Russland, mit seinen riesigen Gasvorkommen, klingen mag, keinen Gasanschluss … Jetzt soll sich das ändern. Putin hat angewiesen, in Jahresfrist alle Orte mit Gas zu versorgen … kostenlos. Das kostenlos bezieht sich allerdings nur auf den Anschluss bis Grundstücksgrenze. Die Kosten danach, incl. der Haustechnik, müssen die Bewohner selber zahlen … Summen, die häufig die Möglichkeiten der Familien überschreiten.
 
Fahren wir nun in das Dorf „Polowinka“, dort, wo meine Gasteltern leben, dort, wo man mich mit Unterkunft, Speis und Trank versorgt hat.
 
Das, was sofort auffällt, im Unterschied zum vorherigen Dorf, sind die Straßen und Wege … Sie erinnern direkt an die Zarenzeit. Bei meinem Spaziergang, rund um den malerischen See, fand ich keinen Zentimeter Straßenpflaster bzw. asphaltierte Wege vor.
 
Dafür fand ich in regelmäßigen Abständen Geschäfte rund um den See vor, die Lebens- und Industriewaren anboten. Bei 44 Grad Hitze natürlich angenehm, Eis und gekühlte Getränke, in einem Dorf mit 800 Einwohnern, auf Schritt und Tritt kaufen zu können.  
 
Das Leben in den Häusern ist einfach, ohne überflüssige hochmoderne komplexe Technik … ich liebe ja, optimistisch, rosarot, wie einige meiner Zuschauer meinen, zu informieren. Wasser aus der Wand gibt es … allerdings aus dem eigenen Brunnen geholt und in lokale Wasserbehälter umgefüllt.
 
Strom gibt es natürlich in jedem Haus, was zu Zarenzeiten noch nicht so war. Ich hätte fast ein Black-Out verursacht, als ich am frühen Morgen den romantischen Sonnenaufgang filmen wollte, meinen Copter zum Einsatz brachte und nicht beachtete, dass es überall Stromleitungen gab.
 
Wo Strom ist, ist das Internet nicht weit. Ich denke, dies wird meine deutschen Zuschauer, die den Internetzustand in Deutschland gut kennen, besonders verwundern: In allen von mir besuchten Dörfern, häufig weit ab von irgendwelchen anderen Zivilisationen oder Kreisstädten, verfügen alle über ein gut funktionierendes Internet.
 
Ein Restaurant oder Cafè oder so etwas ähnliches, habe ich in Polowinka nicht gefunden. Ich hatte aber auch den Eindruck, als ob dies nicht wirklich benötigt wird. Die Leute beschäftigen sich den ganzen Tag über, häufig an der frischen Luft und freuen sich, abends in familiärer Runde zusammensitzen zu können … selbst eingelegtes Schaschlik, eine Flasche Selbstgebrannter oder eine Dose Bier aus dem Laden nebenan sind billiger.
 
Alle Gehöfte haben einen eigenen Garten. Es wird viel eingekocht. Die Obst- und Gemüseabteilungen in den Dorfläden haben hier einen schweren Stand – die häusliche Konkurrenz ist groß.
 
Werfen wir einen Blick in das Gästehaus, welches mir zur Verfügung gestellt wurde. Andrej, der Kaliningrader Journalist informierte mich, dass es sich um das 55-Sterne-Hotel „Soja“ handelt. Natürlich hat es 55 Sterne – ich hoffe, das bezweifelt niemand. Es gab Wasser, Strom, Internet und historisch bedingt, niedrige Türen, an denen ich mir mindestens 25 Mal den Kopf gerammt habe. Ein herrliches Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt. Geschlafen habe ich, wie man auf Deutsch sagt, wie ein Murmeltier. Das Fenster offen, die Eingangstür offen – immer, auch in der Nacht.
 
Die Morgenwäsche war etwas einfacher als in Kaliningrad – mein Bart nicht immer ganz so knackig gezwirbelt. Das Wasser war samtweich – ein krasser Unterschied zum harten Wasser in Kaliningrad.
 
Die Toilette befand sich naturbelassen außerhalb meines Gästehauses, gleich hinter dem Hühnerstall. Der Vorteil dieser Toilette bestand darin, dass man nicht mit einer Klobürste reinigen musste und die Spülung brauchte man auch nicht zu betätigen. Das spart Wasser – es macht plumps und das war es.
 
Das, was viele Städter nicht haben, gibt es hier in diesem Dorf in eigentlich jedem Haushalt: Ofenheizung – der Vorteil besteht in der multifunktionalen Nutzung: man heizt das Haus und nutzt die Wärme auf dem Petschka (Ofen) um Speisen und Getränke warm zu halten.
 
Und es gibt in jedem Gehöft eine Banja. Die Banja, die Vater Alexander gebaut hat, erfüllte alle meine romantischen Erwartungen an eine echte russische Banja. Die sehr niedrige Decke erklärte mir Alexander damit, dass die Bauarbeiter, die ihm geholfen haben, einfach ein wenig Baumaterial einsparen wollten. Meistens sitzt oder liegt man ja in der Banja, wozu braucht man dann eine Deckenhöhe von zwei Metern?
 
Und in jedem Haus gibt es eine unterirdische Anlage. Ich habe nicht gefragt, ob diese unterirdischen Anlagen miteinander verbunden sind – ähnlich wie die Moskauer oder Leningrader Metro (… tschuldigung für meine historischen Anwandlungen).
 
Es handelt sich um den sogenannten „Pogreb“, also die etwas romantischere Bezeichnung für „Keller“. Und ich habe verstanden, warum Andrej, nachdem er sein Account bei Facebook aufgelöst hat, den Telegram-Kanal „Partisan Wypolsow“ geschaffen hat.   
 
Kommen wir noch schnell zum dritten Dorf, dem Dorf, in dem die RusslandDeutschen wohnen. Ich wurde sehr herzlich empfangen. Man zeigte mir das Heimatmuseum, über das ich noch gesondert berichten werde – ein nicht ganz einfaches Thema. Man zeigte mir das Memorial, welches die Bewohner mit eigenen finanziellen Mitteln errichtet haben und welches den Dorfbewohnern gewidmet ist, welche nicht von der Front zurückkamen, als sie mit den ungebetenen deutschen Gästen, ihren ehemaligen Landsleuten, auf Leben und Tod kämpften.
 
Sie zeigten mir den gut gepflegten Friedhof und die zuständige „Kulturministerin“, zuständig für Museum und Friedhof, kannte jeden verstorbenen, seine Familie und viele Einzelheiten – sehr beeindruckend.
 
Und man organisierte für mich den Auftritt der dörflichen Kulturgruppe – sehr viel Herzlichkeit schwappte da herüber.
 
Während ich die Filmaufnahmen machte, wurde hinter meinem Rücken ein reichhaltiger Tisch gedeckt. Die ganze Dorfbevölkerung hatte anscheinend irgendeine Leckerei zu diesem „bogatem“ Tisch beigesteuert … auch den Selbstgebrannten. Auch hier wurde in den Gesprächen klar: Niemand will das Dorf verlassen … niemand von den Alteingesessenen. Die Jugend … ja, leider … die Jugend zieht es in die städtische Zivilisation mit all den Annehmlichkeiten.
 
Lassen Sie uns noch schnell durch die zwei Straßen des russlanddeutschen Dorfes fahren und beenden dann die Eindrücke, die ich Ihnen vermitteln wollte.
 
Wir können zusammenfassen, dass das Dorfleben in Russland nicht einfach ist. Auch in Deutschland gibt es sicher nicht in jedem Dorf die Annehmlichkeiten, die man aus der Stadt gewohnt ist. Die Menschen in den Dörfern wünschen sich ein angenehmeres Leben, nehmen gerne Verbesserungen an, aber hadern nicht mit ihrem Schicksal. Sie sind zufrieden, haben aber zu vielen Dingen eine Meinung, die den Verantwortlichen in der Regierung und der Präsidentenadministration zeigt, dass wir noch viel zu tun haben. Gut, dass es uns in Russland nicht langweilig wird, in den kommenden Jahren. Paradiesische Zustände wie in Deutschland, wären eigentlich für Russland auch untypisch – obwohl nicht wenige Russen von der Sauberkeit, Ordnung, Disziplin und Ehrlichkeit der Deutschen schwärmen.
Reklame

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