Operation „K“-2. Russlands Tor nach Sibirien öffnet sich.

Operation „K“-2. Russlands Tor nach Sibirien öffnet sich.
 
Viele meinen, dass man Sibirien im Winter erleben muss. Ich konnte mich zu einem Winteraufenthalt mit garantierten minus 40 Grad im abgelaufenen Jahr nicht entschließen. Nun wurde ich wieder ungewollter Erbe der Tradition des Deutschen August von Kotzebue. Man versprach mir wieder 40 Grad – allerdings „Plus“ am Tor zu Sibirien.
 
Nachfolgender Text ist gesprochener Videotext und nur verständlich im Zusammenhang mit den Videoaufnahmen.
 
 
Was machst Du im Sommer, wurde ich gefragt.
 
Nichts, antwortete ich.
 
Dann sind das ideale Voraussetzungen, um wieder an das Tor Sibiriens zu fahren – nach Kurgan, nach dem Ort mit den vielen Seen, zu dem Ort, der halbiert wurde – meinte mein Bekannter, dessen Eltern mich im vergangenen Jahr zu sich in das „Halbe Dorf“ eingeladen hatten.
 
Versuchen Sie nie, sich einem Russen zu widersetzen, weder, wenn er es gut mit Ihnen meint und auch nicht, wenn er böse ist.
 
Alles ging ganz schnell. Ein Geheimplan wurde erarbeitet, der so geheim ist, dass ich nichts erfuhr, was man mit mir alles machen will.
 
Ich suchte in meinen alten Unterlagen vom vergangenen Jahr und erinnerte mich an den wohl heißesten Tag meines damaligen Besuches. Bei über 40 Grad organisierte der Chefarchäologe des Kurganer Gebietes eine Exkursion durch das halbe Gebiet und zeigte mir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die aber noch nicht von Touristen überlaufen sind.
 
Touristen gibt es nur sehr wenige, erfuhr ich. Es gibt noch nicht mal einen Tourismusminister in der Gebietsregierung. Und die Region, die meiner Meinung nach, ein ideales Urlaubsziel für diejenigen ist, die die Natur lieben und die so leben wollen, wie man zu Zarenzeiten gelebt hat, ist kaum als Urlaubsziel bekannt.
 
Sicherlich ist die Infrastruktur noch nicht touristenfreundlich entwickelt. Egal wo wir waren, es gab wenig oder gar keine Informationstafeln, es gab zwar Sitzgelegenheiten, schattige Plätze aber sein Essen und Trinken sollte man sich selber mitbringen. Bootsverleih habe ich ebenfalls nicht gesehen.
 
Ein Bekannter in Kaliningrad bremste mich in meiner Begeisterung für die Tourismusmöglichkeiten und meinte, dass kein Russe nach Kurgan fahren werde, denn alle sehen in Kurgan nur das, was sie bei sich auch zu Hause haben. Es müsste ein richtiges Konzept entwickelt werden, wo Dinge angeboten werden, die man sonst woanders nicht findet – so mein Bekannter.
 
Aber der Kurganer Chefarchäologe, der einen ganzen Tag in meine Begleitung investierte, zeigte sich, trotz fehlendem Tourismuskonzept, optimistisch. Er meinte, dass die Aufgabe der Spezialisten jetzt darin bestehe, die Sehenswürdigkeiten auszugraben, zu restaurieren, Exkursionsstrecken zu erarbeiten. Und die Politiker müssen dafür sorgen, dass Kurgan als Urlaubsziel bekannt wird. Alles andere ergibt sich dann Schritt für Schritt.
 
Schon damals, vor einem Jahr, also noch zu Friedenszeiten, als wir unsere heutigen Feinde noch als „Partner“ bezeichneten, hatte der Chefarchäologe Zweifel, ob Ausländer nach Kurgan kommen. Die Anreise sei viel zu kompliziert, dauere zu lange, meinte er.
 
Und er könne sich auch nicht vorstellen, dass die Ausländer sich mit einfachsten Lebensbedingungen, also so, wie zu Zarenzeiten, zufriedengeben würden. Ich war da anderer Ansicht. Aber es ist klar: heute und morgen, vielleicht sogar übermorgen, werden keine Ausländer kommen – nicht nach Kurgan und wohl auch nicht in andere Regionen Russlands. Immerhin las ich eine westliche Statistik vor einigen Tagen, die aussagte, dass mindestens 85 Prozent der Westeuropäer antirussisch eingestellt sind.
 
Wir in Kaliningrad rechnen auch nicht mehr auf Ausländer. Wir bemerken noch nicht einmal, dass diese nicht mehr kommen, denn die Anzahl der Touristen aus dem russischen Mutterland wächst mit jedem Jahr und drückt damit den prozentualen Anteil der Ausländer immer mehr. Über zwei Millionen werden es in diesem Jahr werden. Kurgan könnte eine ähnliche Erfolgsgeschichte werden, denn welcher Moskauer, oder St. Petersburger oder Kaliningrader erinnert sich noch, wie das damals war, zu den Zarenzeiten – meine ich mit meinem beständigen Optimismus.
 
So ganz nebenbei durchlief ich noch eine kleine Kräuterkunde. Der Chefarchäologe erklärte mir, welche Kräuter überall wachsen, wozu man sie verwenden kann und er empfahl mir ein Rezept auf Thymian-Wodka-Basis, natürlich gut gekühlt.
 
Interessant fand ich damals auch, dass, egal wo wir hinfuhren, überall das Internet und Mobiltelefon funktionierte. „Normalno“, antwortete der Chefarchitekt, als wir irgendwo im Gebiet eines der Hügelgräber besichtigten, wo vor hunderten Jahren Tote bestattet wurden.
 
Kennen Sie den Unterschied zwischen den ägyptischen Pyramiden und unseren Hügelgräbern – fragte der Chefarchäologe? Alle meine vorgebrachten Unterschiede waren zwar richtig, aber doch wiederum falsch. Er klärte mich auf. Die ägyptischen Pyramiden wurden zu Lebzeiten der Pharaonen gebaut. Die Hügelgräber in Kurgan wurden nach dem Tode aufgeschüttet – eine gewaltige Arbeit, wenn man bedenkt, dass es keine Bulldozer, Kräne, Bagger und Planierraupen gab.
 
Das Internet funktionierte auch an anderen, geheimnisvollen Orten. Ohne GPS hätte ich mit meiner Drohne nicht fliegen und die geheimnisvollen Stämme richtig erkennen können. Welche Bedeutung diese haben, ist noch nicht restlos geklärt, meinte der Chefarchäologe und wollte wohl damit andeuten, dass man jedes Jahr mal vorbeischauen sollte, ob es Neues gibt. Ich finde, eine interessante Marketingstrategie, die der Archäologe da organisiert.
 
Also, lange Rede, noch längerer Sinn. Eine Gruppe Aktivisten organisiert eine neue Reise nach Kurgan. Ein wenig kenne ich das Gebiet, die Stadt und einige Dörfer schon und mit meinen Erinnerungen vom vergangenen Jahr, werde ich diese jetzt mit ganz anderen Augen sehen und noch viel neugierigere Fragen stellen, als vor einem Jahr.
 
 
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Kommentare ( 2 )

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 3. Juli 2022 11:18 pm

    Viel Spaß in Kurgan! - Mich würde vor allem interessieren, wie die deutsche Brauerei mit den Sanktionen über die Runden kommt.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 3. Juli 2022 12:08

      ... natürlich informiere ich über den Stand der Dinge in der Brauerei, aber auch in der Wurst- und Fleischwarenfabrik ...

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 3. Juli 2022 16:02 pm

    Viel Spaß, und neue, weiterführende Erkenntnisse bei der bevorstehenden Reise.
    Vielleicht hat, wie ich, der einsitzende Nawalny das Buch auch gelesen, und hofft nun auf eine Verbannung ähnlich der für Begüterte zur Zarenzeit - die Mittel dafür hat er ja unter viel Schweiß geschöpft.
    Im intensiven Fernstudium des Films, "So weit die Füße tragen", könnte er sich das notwendige Handling anarbeiten, und die für die mehrjährige Flucht notwendige Kondition durch harte Arbeit antrainieren.
    Ich weiß, wovon ich rede, denn ich hatte mich konditionell nicht verschlechtert.
    Alles Gute also!

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