Verhaftung, Verbannung, Entführung – die nicht erfüllten Erwartungen

Verhaftung, Verbannung, Entführung – die nicht erfüllten Erwartungen
 
Acht Tage hielt ich mich im Gebiet Kurgan auf. Ich war darauf vorbereitet, jederzeit verhaftet zu werden. Als Verbannungsort hatte sich Kurgan bereits seit 1800 bewährt. Aber auch auf eine Entführung durch Kasachen war ich eingestellt. Welche Erwartungen oder Befürchtungen eintrafen und welche nicht, erzähle ich in diesem Beitrag.
 
 
Auf meine Reise nach Kurgan bereitete ich mich langfristig vor. Zum einen las ich das Buch „Das merkwürdigste Jahr in meinem Leben“ von August von Kotzebue, andere Bücher und Fotoreportagen über das Gebiet und ich bat russische Bürger auf meinem Weg nach Kurgan, mir ein paar meiner Fragen zu beantworten.
 
Videoeinspielung: Interview zur Frage „Was wissen Sie über Kurgan“
 
Ich möchte nochmal kurz erinnern.
 
Der Deutsche August von Kotzebue, geboren 1761, liebte Russland. Besonders liebte er seine russische Frau, die in St. Petersburg wohnte. Er bat den Zaren um ein Visum, damit er seine Familie dort besuchen konnte. Der Zar gab ihm das Visum und Kotzebue machte sich auf den Weg Richtung russischer Grenze. Dort angekommen wurde er verhaftet. Der Zar ging damals davon aus, dass alle ausländischen Schriftsteller Spione waren – so auch Kotzebue. Warum der Zar trotz dieses Verdachtes Kotzebue ein Visum ausstellte, ist erstmal unklar. Obwohl, es gibt auch heute eine Reihe von Beispielen, wo Russland reiselustigen Deutschen ein Visum ausstellt, um diesen dann an der Grenze zu sagen, dass sie unerwünscht sind und mit Einreiseverbot belegt worden sind:
 
Videoeinspielung: „Wer seid Ihr. Ich habe Euch nicht gerufen …“
 
Und Kotzebue wurde unter Begleitung in die Tiefen des russischen Landes geschickt. Wohin die Reise ging, wusste er nicht.
 
Da ich, nach den Vorstellungen meines Bekannten, der mir das Buch geschenkt hatte, die Reise von Kotzebue 200 Jahre später wiederholen sollte, erwartete ich, trotzdem ich in der Zwischenzeit schon kein Ausländer, sondern russischer Staatsbürger bin, jederzeit meine Verhaftung auf dem Kaliningrader Airport oder spätestens in Moskau. Ich spazierte auf dem Kaliningrader Airport demonstrativ vor dem dortigen Polizeirevier und drei Stunden auf dem Moskauer Airport Wnukowo, immer auf der Suche nach Polizisten oder vielleicht sogar der RosGarde, die mir Handschellen anlegen und mich in einen der tiefen Keller unter dem Flughafen führen. Ich hatte Pech, noch nicht mal meinen russischen Pass wollte man sehen – außer beim Bording natürlich.
 
Ich nutzte die Zeit bis zu meiner vermutlichen Verhaftung, um einige andere Reiselustige zu fragen, was denn Kurgan ist, was mich dort erwarten könnte:
 
Videoeinspielung: Interviewauszüge zur Frage „Kurgan“
 
Sie sehen, die Qualität der Antworten ist sehr unterschiedlich. Aber trotzdem, ein wenig schlauer war ich schon.
 
Da ich nicht verhaftet wurde, war mir sofort klar, dass der zweite Teil dieser Geschichte wohl auch nicht in Erfüllung gehen würde.
 
Kaum, dass Kotzebue in der Stadt Kurgan angekommen war, hatte der Zar seinen Irrtum erkannt und rief Kotzebue sofort nach St. Petersburg zurück. Kotzebue hat sich nur zwei Wochen in Kurgan aufgehalten, ich selber nur acht Tage. Und der Zar fühlte sich schuldig, entschuldigte sich bei Kotzebue und schenkte ihm ein großes Landgut nebst Leibeigenen irgendwo im Baltischen Raum. Ich war auch schon darauf eingestellt, dass Putin meine Verhaftung bedauern würde, mich nach Moskau ruft und mir dort ein Schloss schenkt. Nun wissen wir ja alle in der Zwischenzeit, dass Putin über keine Schlösser verfügt, höchstens virtuelle Märchenschlösser. Er hätte mir somit gar nichts schenken können und wenn, wäre dies doch für mich eine Bestrafung gewesen, denn ich beschäftige mich schon lange nicht mehr mit Immobilien … macht mir einfach zu viel Arbeit.
 
Auf dem Weg nach Kurgan wiederfuhr Kotzebue so einiges. Zum einen versuchte er zu flüchten, was ihm nicht gelang. Den Versuch zu flüchten unternahm ich auch … nämlich am 12. Juni, dem „Tag Russlands“, der durch die Bevölkerung im Dorf „Schastoosjornoje“ in Volksfeststimmung begangen wurde. Es traten viele Redner auf und plötzlich sollte auch ich etwas sagen … ich, der ich Öffentlichkeit eigentlich gar nicht mag, der so gut wie kein Wort frei gesprochen herausbekommt, … ich versuchte zu flüchten, kam aber nicht weit, denn helfende Hände hieften mich auf die Tribüne und dort fand ich neben dem Rednerpult die neue Verfassung Russlands vor, auf die ich einen Treueid geschworen hatte. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen …
 
Videoeinspielung: Auftritt am 12. Juni  
 
Auf dem weiteren Weg nach Kurgan, in den Ort der Verbannung, erhielt Kotzebue eine Einladung zu einer Hochzeit. Er legte eine Reisepause ein, um an dieser Hochzeit teilzunehmen. Es wurde auf typisch russische Art getafelt. Nichts fehlte, wovon ein Lukullus träumt – schreibt sinngemäß Kotzebue in seinen Erinnerungen. Kotzebue war anscheinend ein unerfahrener Russlandreisender, denn der Insider weiß, dass es in Russland den Begriff „Sakuska“ gibt, eine erhebliche Untertreibung für einen kleinen Imbiss. Dieser kleine Imbiss ist oftmals so umfangreich, dass für den eigentlichen Hauptgang kein Platz mehr im Magen bleibt. So passierte es auch Kotzebue, der sich an der Tafel kräftig bediente und sich rund und satt aß. Dann erfuhr er, dass dies nur die Vorspeise war und nach einer Stunde Erholung der Hausherr zum Mittagessen einlud: „Sakusili, zejschas objedajem“.
 
Mir erging es ähnlich. An einer Hochzeit selber nahm ich zwar nicht teil, aber ein Hochzeitspaar lief mir vor die Kamera und wenige Momente später wurde ich von Alexander Wladimirowitsch Iljakow zu einem üppigen Mittagessen eingeladen. Mehrmals schaute er während der Bestellung zu mir hin, wohl immer in Sorge, bei seiner Bestellung etwas zu vergessen und der neurussische Erichowitsch könnte hungern. Nein Alexander … ich habe nicht gehungert, niemals … ich habe 1,5 Kilo zugenommen.
 
Hört man den Begriff „Verbannung“ und „In die Verbannung geschickt“, so stellt man sich ja immer alles ziemlich schrecklich vor. In Wirklichkeit war es wohl aber so, dass die Verbannten selber in den Verbannungsort fahren mussten, häufig ohne Begleitung. Irgendwann kamen sie an, meldeten sich beim Gouverneur und dieser legte konkret fest, wo sich der Verbannte aufzuhalten hatte. Der Verbannte war kein Gefangener im üblichen Sinne, sondern bewegte sich an seinem Verbannungsort völlig frei. Man wollte diese Leute einfach nur fern von St. Petersburg oder Moskau halten. Wobei es klar ist, dass es unterschiedliche Kategorien von Verbannten gab: wenig Populäre, Unbekannte oder Populäre, wie Kotzebue oder die Dekabristen.
 
Auch hierzu habe ich andere russische Reiselustige befragt.
 
Kurgan hat ein Museum für die Dekabristen eingerichtet. Und ich wollte wissen, wer denn diese Dekabristen waren. Dekabristen waren damals, also um 1825, so was ähnliches wie der heutige Nawalny. Allerdings handelte es sich bei den Dekabristen um einen Teil der Elite der Nation, Offiziere, Adlige, Wissenschaftler. Nawalny ist ja weder Elite, noch Offizier oder Adliger – er ist einfach nur ausländischer Agent. Das waren die Dekabristen nicht … gut, damals gab es auch noch keine USA mit ihren globalen Ansprüchen an die Welt. Diese Dekabristen probten den Aufstand gegen den Zaren, dessen Regierungsstil als Alleinherrscher, ihnen nicht gefiel. Der Zar ließ schießen und wer überlebte, wurde in die Verbannung geschickt. Tja, schauen wir mal kurz in die Antworten meiner russischen Landsleute:
 
Videoeinspielung: Interview zur Frage Dekabristen
 
Als Kotzebue in Kurgan angekommen war, wurde alles getan, um ihm eine möglichst komfortable Unterkunft zu suchen. Er beschrieb alle gezeigten Unterkünfte einfach nur als katastrophal … er verglich natürlich mit seinen westlichen Standards. Logisch, dass er die Einheimischen und deren Lebensstil nicht verstand. Aber trotzdem genoss er den Blick aus dem Fenster seiner Unterbringung, unweit des Flusses, wo jeden Morgen die Kurganer Mädels unbekleidet badeten. Sie hatten überhaupt keine Scheu, ihre nackten Brüste beim Rückenschwimmen zu zeigen – beschreibt Kotzebue eine der beobachteten Situationen. Man könnte meinen, Kotzebue war ein Spanner, der heimlich beobachtete. Aber er beobachtete ja nicht heimlich, sondern beschrieb alles detailliert in seinen Erinnerungen. Somit kommentierte mein Exkursowod Alexej Dedow, dass Kotzebue wohl doch eher der Erfinder des schriftlichen Pornos war …
 
Ich selber habe keine nackeligen Mädels beobachtet, sondern nur zwei Männer, den Duma-Abgeordneten Alexander Iltjakow und einen mir bekannten Journalisten, die in einem Salzsee badeten und damit beweisen wollten, dass man dort nicht untergehen kann. Zum einen wegen des hohen Salzgehaltes und zum anderen wegen seiner Tiefe: maximal 1,20, meistens jedoch nur 60 Zentimeter. Sie sehen, ich versuche möglichst viele Parallelen zu finden, um meine Reise, mit den Reiseerlebnissen von Kotzebue, vergleichen zu können.
 
Kotzebue beschreibt in seinem Buch auch die Warnungen der Einheimischen in Kurgan, sich nicht zu weit nach außerhalb der Stadt zu begeben. Die Grenze zu Kasachstan ist nicht sehr weit und nicht sehr gut bewacht. Die Kasachen überschreiten, mit ihren schnellen Pferden, häufig die Grenze. Sie suchen Russen oder irgendwelche anderen Menschen, nehmen diese gefangen, verbringen sie nach Kasachstan und verkaufen die Gefangenen dann als Sklaven.
 
Sie werden verstehen, dass es mir doch ein wenig mulmig wurde, als meine Gastgeber im Dorf „Polowinka“ mir am Vorabend meiner Abreise erklärten, dass sie Besuch von Verwandten aus Kasachstan erwarten. Ich solle doch an eine bestimmte Kreuzung am Dorfrand fahren und dort mit meiner Kamera die Kasachen begrüßen.
 
Schweißnass stand ich an der Kreuzung – allerdings war dies kein Angstschweiß, sondern der Schweiß von 44 Grad Hitze in praller Sonne. Lange musste ich nicht warten, bis die Kasachen auf ihrem vierrädrigen Pferd angeritten kamen. Mein bekannter Journalist begrüßte seine Verwandten. Sie machten einen durchaus friedlichen Eindruck. In Kolonne fuhren wir dann querfeldein in unsere geschützte Festung in Polowinka.
 
Damit war aber die Angst noch nicht ausgestanden, denn beim abendlichen gemütlichen Beisammensein, wurde mir eine große Flasche mit weißem Inhalt gezeigt. Ich vermutete Milch von glücklichen Kasachstaner Kühen … nein, es war Milch von noch glücklicheren Kasachstaner Pferden – allgemein bekannt als Kumys. Das Wort hatte ich schonmal gehört, getrunken hatte ich es nie. Ein großes Glas wurde eingefüllt und ich sollte es austrinken. Noch während ich trank wurde mir nebenbei mitgeteilt, dass diese Milch „natürlich“ alkoholhaltig sei und ich nach dem Glas sicherlich in erhöhter Stimmung bin. Was war ich erschrocken … wollte man mich etwa so in einen taumeligen Zustand versetzen, um mich leichter entführen zu können …
 
Kumys – ein Getränk, dessen Geschmack ich mit nichts vergleichen konnte. Stark säuerlich, ganz entfernt zu vergleichen mit dem hausgemachten Kwaas meiner Gastgeber, welcher sich auch stark von dem Geschmack unterschied, den ich bisher von Kwaas kannte.
 
Ich brach den Genuss des Kumys nach der Hälfte des Glases ab. Die Sponsoren waren mir nicht böse.
 
Sowohl die Hin- wie auch die Rückreise beschreibt Kotzebue sehr ausführlich. Die Wege sollen damals eine einzige Katastrophe gewesen sein. Häufig standen ganze Landstriche komplett unter Wasser – entweder wegen getautem Schnee im Frühjahr oder wegen starker Regenfälle.
 
Ich lief und fuhr auch über Wege, die an die Zarenzeit erinnerten – allerdings nur in den weit abgelegenen Dörfern. Aber ich sah auch große breite Straßen, instandgesetzt und mit großer Geschwindigkeit befahrbar. Überschwemmungen soll es auch jetzt in jüngster Zeit noch gegeben haben, aber in Kurgan selber wurde, mit großem finanziellem Aufwand, ein Damm gebaut, so hoch, wie noch niemals das Wasser in Kurgan gestanden hat. Überschwemmungen sind jetzt ausgeschlossen.
 
Mir selber bot man noch eine Reisemöglichkeit an, die Kotzebue nicht kannte. Kotzebue nutzte Pferde und Pferdekutschen. Er hatte genügend Geld, um sich bequeme Pferdekutschen leisten zu können. Mir bot man einen Bus, etwas älterer Bauart an und kommentierte, dass wir mit diesem Bus, natürlich ohne jeglichen Komfort, die nächsten 400 Kilometer fahren werden … das ganze bei unglaublichen Temperaturen von 40 Grad. Ich setzte ein möglichst gleichgültiges Gesicht auf, dass mich so etwas nicht schockieren kann.
 
Wir fuhren aber nur vier Kilometer … Alexander Iljakow entschuldigte sich bei mir, wegen der überflüssigen zwei Nullen, die er genannt hatte. Wir standen plötzlich auf einem Feld mit einem Flugzeug, über das sich jedes Museum gefreut hätte: Baujahr 1947. Ich dachte auch zuerst, dass wir nur das Flugzeug besichtigen wollten. Nein, wir flogen damit.
 
Volksmundlich wird es als Kukurusnik, also Maisflieger, bezeichnet … unheimlich laut und unheimlich romantisch. Der phantastische Blick von oben zeigte mir: Das Kurganer Gebiet ist Natur pur und schreit förmlich nach medizinischen und touristischen Einrichtungen.
 
Kotzebue konnte vielfältige Erfahrungen mit seinen Pferden und Kutschen sammeln. Ich sammelte auch vielfältige Erfahrungen mit den verschiedensten Flugzeugen und Autos. Wir beide sind immer an das Ziel gekommen, wo wir hinwollten … ich allerdings etwas komfortabler als Kotzebue.
 
So, belassen wir es für heute mit diesen Eindrücken, Erwartungen und Befürchtungen, die teilweise in Erfüllung und teilweise nicht in Erfüllung gingen.
 
Bleiben Sie meinem Kanal treu, denn Fortsetzungen meiner Reise in die Tiefe des russischen Landes folgen.

 

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