Von der Spree an die Newa - Reisen nach Russland

Von der Spree an die Newa - Reisen nach Russland
 
„Kaliningrad-Domizil“ hat die Möglichkeit erhalten, Erfahrungen und Eindrücke eines deutschen Staatsbürgers zu veröffentlichen, der eine Reise von der Spree an die Newa vor wenigen Tagen durchgeführt hat. Detailliert schildert er die aktuelle Situation. 
 
 
Lange hatte ich keine Möglichkeit, meine in St. Petersburg lebende russische Verlobte zu sehen. Das Corona-Virus hatte durch alle unsere Pläne einen dicken Strich gemacht. Beide haben wir jeden Tag die Medien verfolgt und gehofft, dass Erleichterungen im Reiseverkehr eintreten. Zusätzlich habe ich alle nur denkbaren Behörden in Deutschland kontaktiert, um ständig aktuelle Informationen zu Reisemöglichkeiten zu erhalten.
 
Nach dem Schließen der Grenzen für ausländische Bürger im März 2020 durch die Russische Föderation, brach für mich eine lange, harte Zeit an. Die geplante Hochzeit mit meiner Verlobten in Sankt Petersburg musste mehrfach verschoben werden und konnte bis heute nicht stattfinden. Ein Treffen in Russland, vor den neuen Regelungen durch die russische Regierung, war nicht möglich. Anfang April dann die langersehnte Meldung: die Russische Föderation erlaubt u.a. deutschen Staatsbürgern die Einreise nach Russland und erteilt auch wieder Visa jeder Art (außer Online Visa). Das war der lang erwartete Startschuss und ich begann sofort mit den Vorbereitungen.  
 
 
Wichtigste Voraussetzung für eine Reise nach Russland ist das Vorhandensein eines gültigen Visums. Am besten funktioniert das, wenn man sich an eine Visa-Agentur wendet. Diese haben gute Kontakte zu den Konsulaten bzw. der Botschaft und stehen hilfreich zu Seite, wenn Dinge unvollständig oder gar falsch sind. Die entstehenden höheren Kosten werden kompensiert durch die Zeiteinsparung und Nervenschonung, wenn Dinge nachgebessert werden müssen.
 
Die Einreise kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur per Flugzeug erfolgen.
 
Vom zuständigen Gesundheitsamt, welches ich am 3. Mai kontaktierte, erfuhr ich, dass alle deutschen Staatsbürger, die aus einem Risikogebiet nach Deutschland einreisen, sich in Quarantäne begeben müssen. Die Einreise kann nur mit einem gültigen PCR-Negativ-Testergebnis, nicht älter als 48 Stunden, erfolgen.
 
Die Situation hat mich nicht so richtig befriedigt und ich wandte mich an das Gesundheitsministerium meines Bundeslandes. Ich schilderte meine Situation, erklärte, dass ich mit meiner Lebenspartnerin, nach einem Aufenthalt in St. Petersburg, wieder nach Deutschland einreisen werde. Das Ministerium brauchte nur 45 Minuten, um mir zu bestätigen, dass Lebenspartner aus Drittstaaten nicht in Quarantäne müssen, deutsche Staatsbürger jedoch müssen sich in Quarantäne begeben. Die Aussage des Gesundheitsamtes erwies sich also als richtig.
 
Ich hatte einen angenehmen Eindruck von den deutschen Behörden. Ich wurde höflich bedient und erhielt kompetente, ausführliche Antworten.
 
Auch über die Aeroflot-Vertretung habe ich Informationen zur aktuellen Lage und den Einreisebestimmungen eingeholt. Ausländer müssen einen negativen PCR-Test in russischer oder englischer Sprache, nicht älter als 72 Stunden, vorweisen können.
 
Für einen zeitnahen Test nutzte ich das Testzentrum auf dem Berliner Flughafen am Sonntag. Der Kontakt mit den dortigen Mitarbeitern war freundlich und am Montagvormittag erhielt ich das gewünschte Dokument und meinem, für den Mittwoch, den 05. Mai 2021 geplanten Flug nach Russland, stand nichts mehr im Wege.
 
Zwei Stunden vor Abflug traf ich am Mittwoch auf dem BER ein. Die Strecke Parkplatz – Check In - Sicherheitskontrolle bewältigte ich in rekordverdächtigen 20 Minuten.
 
Die Passkontrolle gestaltete sich etwas schwierig. Ich hatte die automatische Passerkennung gewählt, die aber, trotz mehrmaliger Versuche, nicht funktionierte. Eine lebenserfahrene Russin hatte die gleichen Probleme, aber selbst in kollektiver Zusammenarbeit konnten wir die automatische Passerkennung nicht überwinden. Ein freundlicher deutscher Grenzbeamter meinte, wir sollten doch lieber die klassische Methode nutzen. Ein guter Tipp, insbesondere für diejenigen, die sowieso schon unter Zeitdruck stehen.
 
Angenehmes und Nützliches liegen meist dicht beieinander. Nützlich war die Erfahrung mit der Arbeit der Technik bei der Grenzabfertigung. Angenehm war die Bekanntschaft mit der russischen Dame. Wir unterhielten uns, tauschten Meinungen, Gedanken und Erlebnisse aus und ich erfuhr, dass sie zu ihren Verwandten nach Sotschi unterwegs ist.
 
Der Flieger war zu 60 Prozent ausgebucht – ein angenehmer Zustand, denn die Mittelplätze blieben frei. Es herrschte Maskenpflicht und eigentlich hätten auch alle Passagiere Handschuhe tragen müssen.
 
Wir starteten pünktlich und der Flug mit Aeroflot war, wie ich es aus der Vergangenheit her schon gewohnt war, einfach nur angenehm.
 
Im Flugzeug wurden Formblätter in russischer und englischer Sprache an die Passagiere ausgeteilt.
 
Ein junger russischer Ingenieur, der in Deutschland lebt, aber öfter in Russland geschäftlich unterwegs ist, half mit Hinweisen beim Ausfüllen des Formblattes.
 
Nach der Landung ging es zur russischen Passkontrolle. Sie verlief schnell und problemfrei. Auch mein Gepäck war bereits auf dem Band und so konnte ich, schneller als gedacht, mich Richtung Zollkontrolle begeben.
 
Hier fand dann wirklich eine Kontrolle statt – übrigens die erste überhaupt, die ich bei meinen Reisen nach Russland durchlief. Die Zöllnerin war freundlich, aber in ihrer Fragestellung ernst. Sie wollte wissen, was ich in meinem Koffer habe, fragte nach möglichem Bargeld, nach dem Zweck meiner Reise und wann ich plane, wieder auszureisen. Zu beanstanden gab es nichts und so nahm ich mein Gepäck und es ging schon mit schnellerem Schrittintervall Richtung Ausgang.
 
Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl nach über 14 Monaten meine Verlobte zu umarmen, Freunde und Partner wieder in Russland besuchen zu dürfen. Natürlich ist der Besuch aufwendiger als in der Vergangenheit. Aber ich empfand die Reise am Ende trotzdem unkompliziert und auf jeden Fall war es der richtige Schritt.
 
Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt zeigte, dass man sich auf den 9. Mai, den 76. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, vorbereitete.
 
Für den Abend planten wir ein Treffen mit einem Bekannten in einem Restaurant. Wir nutzten die Metro – übrigens ein Erlebnis, welches ich jedem Touristen in St. Petersburg empfehle. Eigentlich herrscht in der Metro Masken- und Handschuhpflicht. Aber niemand trug Handschuhe und geschätzte 40 Prozent hielten sich an die Maskenpflicht. Die Situation war ruhig und entspannt – naja, wie eigentlich immer in Russland. Ich sah nirgendwo eine gehäufte Polizeipräsens oder irgendwelche Kontrollen.
 
Außer in den öffentlichen Verkehrsmitteln, sind auch in Verkaufseinrichtungen und öffentlichen Einrichtungen Masken zu tragen. Hierbei sind nur die einfachen Masken gefragt und nicht die, welche wir aus Deutschland kennen. Mit freundlichen Worten wird man darauf hingewiesen, falls man mal bei der Maskenpflicht etwas nachlässig war. Irgendwelche Strafen wurden nicht verhängt – zumindest ist mir nichts aufgefallen. Und es gibt auch keine Denunzianten.
 
In den Einkaufszentren läuft alles völlig normal. Für mein Empfinden halten sich etwas weniger Menschen dort auf, als vor der Grenzschließung. Grund hierfür ist sicherlich, dass natürlich die Masse der ausländischen Touristen gegenwärtig noch fehlt.   
 
Seit dem 1. November war es mir nicht mehr möglich, mein Fitnessstudio in Deutschland zu besuchen. In Russland ist dies kein Problem und eine meiner ersten Ausgaben war der Kauf eines Abonnements für einen Fitnessclub in St. Petersburg. Licht und Schatten liegen bekanntlich dicht beieinander – der Muskelkater am nächsten Tag rief doch schon einige Schmerzfalten in mein Gesicht.
 
Mein Reisezeitraum war unbewusst zu einem wirklich guten Zeitraum gewählt, denn der Zeitraum zwischen den Feiertagen des 1. Mai, Tag der Arbeit und dem 9. Mai, dem Tag des Sieges, wurde kurzfristig, auf Anregung des russischen Präsidenten, für arbeitsfrei erklärt. Elf arbeitsfreie Tage – toll.
 
Am Samstag, dem Vorabend zum größten russischen Feiertag, gab es noch wichtige Termine zu erledigen – interessant sicherlich für all die Deutschen, die zukünftig die Absicht haben, in Russland zu heiraten.
 
Wir mussten zum zweiten Mal das Aufgebot bestellen, denn durch das Corona-Virus konnte unser erster, für den Juni 2020 geplanter Hochzeitstermin, nicht stattfinden. Dokumente, die aus Deutschland vorgelegt werden müssen, habe ich in St. Petersburg übersetzen lassen. Zum einen spart man Geld und zum anderen entspricht dann alles gleich den Anforderungen der russischen Gesetzgebung. Die Übersetzung wurde an einem Tag erledigt.
 
Das Wetter meinte es mit uns an diesem Tag nicht so gut. Strömender Regen, aber wir und die Dokumente waren gut verpackt.
 
Die russischen Standesamtsbehörden in St. Petersburg arbeiteten auch am Wochenende und da wir die Einzigen waren, die ein Aufgebot bestellen wollten, ging alles recht zügig. Nach weniger als einer Stunde war alles erledigt. Freundliches Auftreten, ein Lächeln … mehr ist nicht nötig in Russland, um Behördenangelegenheiten zu erledigen. Mögliche Gedanken an Schmiergeldzahlungen, um irgendwelche Probleme in Russland zu lösen oder Vorgänge zu beschleunigen, hatte ich nie und die Praxis zeigte, dass dies auch nie nötig war.
 
Wer glaubt, dass in den russischen Behörden noch mit Bleistift und Radiergummi gearbeitet wird, der irrt. Die Diensträume sind alle mit moderner Technik ausgestattet und die Mitarbeiter arbeiten zügig und korrekt. Ein insgesamt angenehmes Erlebnis.
 
Natürlich habe ich nicht vergessen, der netten Beamtin zum bevorstehenden Feiertag zu gratulieren. Als Deutscher ist dies immer ein gewisser Balanceakt und wer der russischen Sprache in diesem Punkt nicht sicher ist, sollte vielleicht lieber nichts sagen. Aber bei mir klappte alles, ich gratulierte und die Beamtin bedankte sich mit einem Lächeln und Augenzwinkern für die Wünsche zum russischen Feiertag. Spuren von Abneigung oder Hass … nein, Fehlanzeige.
 
Danach trafen wir uns mit russischen Freunden, die uns eingeladen hatten, in deutsches Restaurant in St. Petersburg zu besuchen. Wie so häufig im Ausland, war es die Nachempfindung eines bayrischen Lokals mit bayrischer Küche. Es hat geschmeckt. Bei der Gelegenheit erfuhren wir, dass auch unsere russischen Bekannten eine Tochter in Deutschland haben, die sie seit Beginn der Corona-Krise nicht mehr besuchen konnten.
 
Den Sonntag nutzten wir, um gemeinsam mit allen anderen St. Petersburgern den größten Feiertag Russlands zu feiern – den Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg.
 
Zeitiges Aufstehen sichert gute Plätze – zumindest sollte man das meinen. Es erwies sich aber, dass das, was ich unter zeitigem Aufstehen verstand, nicht ausreichte, um einen guten Platz zu besetzen. So schauten wir uns die Parade dann letztendlich doch abends im Fernsehen an.
 
Geblieben sind die Eindrücke mit der Metro-Fahrt. Der Newski-Prospekt, die zentrale Straße der Stadt, war komplett für den Verkehr gesperrt und man hatte den Eindruck, als ob sich die ganze Stadt dort zusammengefunden hat. Bei bestem Wetter spazierte das gemischte Publikum von jung bis alt über die Prachtstraße. Viele trugen Fahnen, ein Soldatenkäppi oder andere Feiertagssymbolik. Veteranen, mit vielen Orden am Jackett, waren nur noch sehr wenige zu sehen.
 
Meine Freundin erklärte mir, dass dieser Tag für die Russen ein Tag des Gedenkens an die Opfer ist und keine Party, auf der getanzt und gelacht wird. Die Stimmung an diesem Tag ist gut, aber es gibt keine laute Musik oder unendlich viele Kioske, wo man Getränke und Essen kaufen kann. Dafür waren die Restaurants und Geschäfte offen, und man konnte bei Bedarf dort einkehren.
 
Grundsätzlich kann man in Russland bei Großveranstaltungen keinen Alkohol kaufen, was aber eher positive Seiten hat. Nicht nur deshalb läuft alles gut organisiert und gesittet ab. Polizei war für diese große Veranstaltung mit Straßensperren im normalen Umfang anwesend. Zwischenfälle habe ich nicht bemerkt.
 
In Höhe der Kasan-Kathedrale überflogen uns Formationen von Hubschraubern und Flugzeugen in niedriger Höhe. Die Palast-Brücke war mit Fahnen geschmückt und an den bekannten Säulen, in der Nähe der Brücke, brannte die „Flamme der Erinnerung“. Natürlich gönnten wir uns einen romantischen Blick von der Brücke in Richtung der Peter-Pauls-Festung.
 
Auf einer Freifläche war eine Ausstellung historischer sowjetischer Militärtechnik gestaltet und die dort betreuenden Soldaten trugen ebenfalls historische Uniformen aus der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges.
 
Normalerweise ist das Fotografieren von Armeeangehörigen verboten, aber an diesem Tag gelten solche Verbote nicht. Und so haben wir ein Erinnerungsfoto gemacht, dem Soldaten natürlich auch gratuliert. Nachdem er erfuhr, dass ich Deutscher bin, erhielt ich von ihm einen spontanen kräftigen Händedruck. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile und hofften auf eine friedliche Zukunft zwischen unseren Völkern, in Europa und überhaupt in der ganzen Welt.

 

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Kommentare ( 2 )

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 13. Mai 2021 14:27 pm

    Hallo Herr Lehmann,
    da wünsche Ihnen und natürlich Ihrer Verlobten aus dem Großen Land eine sehr schöne Hochzeit, viel Liebe und ein langes gemeinsames glückliches Leben.
    Ihr Bericht hat mir sehr gut gefallen und ich habe auch wieder etwas dazu gelernt für meine eigenen Reiseabsichten.
    Всего наилучшего в будущем!

  • Klaus Siebeneicher

    Veröffentlicht: 30. Juni 2021 18:09 pm

    Hallo Herr Niemeier,
    ich habe einen Teil Ihres höchst interessanten Berichts über die Reise nach Kurgan lesen können. Jetzt würde ich sehr gerne mehr daüber erfahren, finde aber nicht, wie es weiter geht. Oder ist es noch nicht fertig? Vielleicht bin ich zu ungeduldig. Es wäre schön, wenn Sie alle Berichte unter so einen globalen Header wie "Kurganreise" anordnen würden. VielenDank im Voraus.
    Klaus Siebeneicher aus Neumünster

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 30. Juni 2021 22:25

      Sie finden alle meine Beiträge auf Youtube. Schauen Sie einfach der der Rubrik Download nach, bzw. stöbern in den Filmen, die in den letzten drei Wochen veröffentlicht worden sind.

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